Bob hatte den Auftrag erhalten, seinen ehemaligen Text-Text-Duo-Partner, Georg, kalt zu machen. Ohne jedes Herzklopfen hatte er den Auftrag angenommen. Nicht, dass er etwas gegen Georg gehabt hätte. Im Gegenteil. Er sah die Sache rein pragmatisch. Sie waren beide Profis — der eine verdiente sein Geld damit, dass er satirische Texte über eine Wirtschaft schrieb, die tagtäglich tiefer in einen Strudel von Schuld und Verbrechen hinein gezogen wurde, und der andere lebte davon, kritische Elemente wie Georg auszuschalten. Es war ein ganz natürliches, evolutionäres Verhältnis, dachte Bob, sich noch einen Whisky genehmigend, in 17.000 Metern Flughöhe. Fressen und gefressen werden.
Nicht nur, dass er keinerlei Probleme damit hatte, Georg in absehbarer Zeit zum definitiv letzten Mal gegenüber zu treten; nein, er freute sich sogar darauf! Endlich würde sich zeigen, welche Form von Korruptheit – wenigstens für diesen einen Augenblick der Wahrheit – die überlegene war. Er, Bob, hatte sich vor einigen Jahren für den Weg entschieden, den er seitdem mit unerbittlicher, unheimlicher Konsequenz verfolgte. Mochte ja sein, dass er, von einem gewissen Blickwinkel aus, aussah wie der Weg des geringeren Widerstands! Aber umgekehrt konnte man auch Georg, dachte Bob, den Vorwurf machen, dass er sich in einem Turm aus Ethik verschanzte, der gebaut war aus demselben Dreck, in dem einer wie Bob Tag für Tag herumwühlte. Es war alles Schmutz, dachte Bob, das ganze System, der ganze Planet, das ganze Universum! Auch die Moral bestand aus Dreck.
„Noch einen Drink?“
Bob fragte sich, wo sie immer diese hübschen asiatischen Stewardessen herbekamen.
„Nein, danke“, sagte er mit einem Roger-Moore-Lächeln, ironisch und gentlemanlike und an allem desinteressiert. „Ich denke, 15 reichen erst einmal.“
„Aber“, sagte die geschmeidige Asiatin, „15 Whiskys können einen Kerl wie Sie doch nicht umhauen!“
Bob lachte. „Nein, vor allem nicht, da ich ja sitze! Also schön“, er wollte mal nicht so sein, „einen können Sie mir noch einschenken.“
„Dann haben Sie nämlich zwei Flaschen geschafft“, sagte die Stewardess, „und das ist auf unserer Fluglinie Rekord!“
Sie warf dabei einen Na-hab-ich-dir-zu-viel-versprochen?-Blick zu ihrer Kollegin am Ende des Ganges hinüber.
Bob freute sich, dass er seinen Mitmenschen mit so einfach Mitteln eine Freude bereiten konnte.
„Aber dann ist auch wirklich Schluss, ich muss nachher nämlich noch jemanden umbringen“, sagte er in seinem brummenden Bass.
„Wirklich?“
Die Asiatin machte große Augen.
„Wenn ich es doch sage“, gab Bob mit einem gutmütigen Schmunzeln zurück.