Scheißegal, ob du schwarz bist oder weiß
Juni 27th, 2009 § 3 Kommentare
Irgendwann hatte Tommy Schnell das Warten satt. Auch mir wurde es zu bunt. Der 20.13 Uhr-Zug kam und kam nicht. 15 Minuten Verspätung schon, dachte ich mit einem Blick auf mein Handy, beinahe böse, das war aber (auch wenn mein Handy zwei, drei Minuten vor ging) allmählich genug! Und immer noch keine Nachricht von Sophia. Wahrscheinlich saß sie jetzt, verabredungsgemäß, in Undingen am Nordrand der schwäbischen Alb, in einem Gasthof, ein Radler vor sich, misstrauisch belauert von lauter Undingern — und ohne Empfang!
“Wir stehen hier und warten”, wandte ich mich an den ehrenrührigen Fred Knick, “und derweil könnten da draußen die unglaublichsten Dinge geschehen!”
“Zum Beispiel?” fragte Knick, mit der allergrößten Seelenruhe — immerhin, in 25 Dienstjahren hatte er sich ein dickes Fell zugelegt — seinen Blackberry mit Informations-Bits fütternd, das Dienstkäppi hochgeschoben bis zum Haaransatz.
“Na”, ich schaute hilfesuchend Tommy Schnell an, “der Präsident der Vereinigten Staaten könnte erschossen werden!”
“Ja, oder der King of Pop könnte, sagen wir”, sagte Tommy Schnell, “verratzen, auf, was weiß ich.” Sein letztes Dosenbier ging zur Neige, und Panik bemächtigte sich seiner. “In seinem Affenstall auf der Neverlandranch, bei einem Besuch bei Bubbles. Oder”, Tommy Schnell nahm den letzten Schluck, “auf seinem Scheißhaus, ja.”
Die Dose war leer; er schüttelte sie mit unsäglich traurigem Gesichtsausdruck und warf sie dann auf den Boden.
“Hey!” Fred Knick schaute endlich vom irisierenden Display seines Blackberry auf. “Das geht aber nicht, mein Herr! Ich möchte Sie bitten, den von Ihnen zu Boden geworfenen Gegenstand aufzuheben und ihn in einen der dafür vorgesehenen Behälter auf dem Gang zu schaffen.”
“Zu Deutsch?” fragte Tommy Schnell, der Streit suchte, um sich von seiner Schmacht abzulenken.
“Schmeiß das Scheißding in den Müll!” donnerte Fred Knick mit einer martialischen Strenge los, die ich ihm nie und nimmer zugetraut hätte!
Tommy Schnell wich zurück, die Hände schützend in Höhe seiner Brustwarzen erhoben.
Und just in diesem Moment ging draußen ein unvorstellbarer Verkehr über das Gegengleis, dröhn, dröhn, dröhn, der 20.13 Uhr-Zug, der dröhn, dröhn, kein Ende zu nehmen, dröhn, schien.
“Endlich!” seufzte ich.
“Ja.” Fred Knick war wieder ganz der Alte, ein zufriedener, verkommener, abscheulicher Zeitgenosse ohne Anstand und Ehrgefühl, von dem ein erstickender Geruch ausging. Er nickte zufrieden. “Das war’s dann mit dem King of Pop.”
“Bitte?” Ich traute meinen Ohren nicht.
“Ja, der Alte, den Sie” — Fred Knick zeigte auf meine werte Person — “da eben nach draußen geschafft und auf die Gleise des 20.13 Uhr-Zugs gelegt haben, war natürlich niemand anderes als Michael Jackson, dessen Tod die Nachrichtenbüros in wenigen Stunden mit unendlichem Bedauern in die weite Welt hinaus funken werden.”
“Michael Jackson?” Ich fasste es nicht, und also fasste ich mir an den Kopf. “Aber das war doch ein Weißer!? Ich hatte ihn doch in meinen …”
Ich hatte meine Arme ausgebreitet und starrte sie an, als gehörten sie nicht zu mir, sondern zu einem Orang-Utan.
Fred Knick, der meine Verwirrung bemerkte, grinste mich an.
“Und er sah aus”, stammelte ich, “als wäre er mindestens 70 …”
Das hinterhältig-hintersinnige Grinsen Fred Knicks reichte jetzt vom einen Ohr zum anderen.
“Na ja”, mischte Tommy Schnell sich ein, “wie auch immer. Wir könnten doch aber jetzt unsere Fahrt fortsetzen, Herr Schaffner, oder? Ich meine, unser Auftrag ist erledigt, und wir könnten ja in der Ulmer Bahnhofsgaststätte noch ein Bier zusammen …”
“Ihr Auftrag”, fuhr, wie eine Peitsche, eine Stimme dazwischen, und wir schossen auseinander, “ihr Auftrag hat gerade erst angefangen, Tommy.”
Ein Mann war in der Abteiltür aufgetaucht. Um ihn herum drängelten sich auf dem Flur die Passagiere aus den Nachbarabteilen, die wissen wollten, was es bei uns seit einer halben Stunde für einen Radau gab. Ich fing den fassungslosen Blick eines etwa elfjährigen Knaben auf. Ich wollte ihm zulächeln, aber er floh in die Umarmung seiner Mutter, einer couragierten Rucksackträgerin. Ich ließ die Öffentlichkeitsarbeit also bleiben und wandte meine Aufmerksamkeit dem fremden Mann zu. Er sah aus, als wäre er gerade einem Film noir entstiegen, etwa dem “Malteser Falken” oder “Casablanca”; sogar die Kolorierung hatte man vergessen (oder mit Absicht unterlassen). Das gefiel mir ganz gut, denn ich stand sowieso auf dem Standpunkt, dass es mit den Filmen seit der Einführung von Technicolor abwärts gegangen war!
“Bob Bobbowitsch Bobowski”, flüsterte Tommy Schnell tonlos.
Der Mann lachte. “Was hast du denn erwartet?”
Doch Tommy Schnell trieb nur eine Frage um:
“Hast du ein Bier dabei, Bob?”
Es stimmt, es ist egal ob man schwarz oder weiß ist,ob man einen anderen Glauben hat als andere.
Genau, das sage ich auch immer. Am Ende ist es sogar egal, ob man überhaupt ist.
Hä? Ob man überhaupt WAS ist?