Von Prof. Dr. Werner Miesmurz, Lehrstuhl für Medienkunde und Volkskultur des industriellen Menschen, Gutenberg Universität Mainz (GUM)
Es freut mich sehr, dass die Redaktion im Augenblick dieser durch einen stürmischen Leserbrief ausgelösten Krise die Bitte an mich herangetragen hat, das Phänomen des unübersehbaren Niedergangs der blogozentrischen Kultur in wenigen prägnanten, poppigen Sätzen zu erläutern. Danken möchte ich zuerst meinen Kollegen Prof. Dr. Dr. Friedhelm Wankelmuth, Prof. Prof. Prof. Ernst Müller, Dr. Niels Schadewaldt sowie meiner Assistentin Sue Vögel, ohne deren Zuspruch und kluge Anmerkungen diese paar Sätzchen nicht möglich gewesen wären.
1. Der Blogozentriker bemühte sich, die Welt aus der Ich-Perspektive anzugehen. Natürlich könnte man auch, wie ein Soziologie-Professor aus Westfalen, sagen: „Das System Gesellschaft ist so und so beschaffen, und darum hat jenes Phänomen die und die Funktion.“ Nur — genau für diese Global-Formulierungen des Global-Problems bezahlen wir ja die Soziologie-Professoren, und das nicht zu knapp! Also muss einer wie der Blogozentriker einen anderen Ansatz bieten. Einen Versuch wert schien es den Machern des Blogozentrikers, das Unlebendige lebendig zu schreiben. Damit das, was sonst unbedacht den breiten Strom der Zeit hinuntertreibt, wenigstens für kurze Zeit eine Form bilde, erkennbar und somit bearbeitbar werde. (Mehr dazu demnächst in dem Buch „Hohlkörper“, Acabus Verlag, ca. 17 Euro.)
2. Das, was den Blogozentriker von jeher am meisten faszinierte, ist die Literatur. Leider löste sich das einst so wirkungs- und deutungsmächtige System Literatur vor seinen Augen auf. Der Niedergang der literarischen Kultur in den letzten Jahren erscheint ihm wenigstens dramatisch. Vielleicht ist das seine Apokalyptiker-Ader, aber schon eine einigermaßen zugespitzte Beschreibung der Situation lässt tatsächlich nicht aufhorchen, sondern aufheulen:
Elke Heidenreich und ähnliche geld- und publicitygeile Literaturbetriebsasseln jazzen regelmäßig für ein ästhetisch völlig entmündigtes Publikum ein paar Bücher hoch, die man zur Not auch selbst hätte schreiben können — die sicherlich abendlicher Balsam für überforderte, verzweifelte Seelen sind, aber alles andere als wahrhaft interessant!
Doch das Problem wird auch von der anderen, der Produzenten-Seite her hergestellt. Notorische Beispiele:
a) Französische Romanciers machen einen Riesenreibach damit, dass sie sich in homosexuelle SS-Schaftstiefel-Träger hineinträumen und über Leichenberge wandern, sekundiert von großmächtigen Theorie-Ordensträgern.
b) Ehemalige Musikkanal-Moderatorinnen pulen sich in ihren Arschlöchern herum und schreiben darüber Erlebnisberichte, die es, dank einer gutgeölten Marketingmaschinerie, auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestseller-Liste bringen, direkt vor Stefan Austs schonungsloser Generalabrechnung mit der einst so scharfzüngigen Wochenpostille aus Hamburg.
c) Und Rocko Schamoni schreibt schon wieder eine Autobiographie über seine Jugend auf dem norddeutsch abgeflachten Lande.
3. Der Blogozentriker fing an, nach einem Massenpublikum zu schielen. Das ewige Genörgel, das wurde ihm bald klar, schreckte vor allem die Mädchen ab. Und natürlich kommt irgendwann der Zeitpunkt, da einer merkt, dass ihm zum Vögeln nicht mehr alle Zeit der Welt bleibt. Irgendwann, diese Erkenntnis drängt herein, gibt man den letzten Schuss ab. Aber vorher, das verlangt die Natur, die Biologie in einem, will man noch möglichst viele Schüsse abfeuern.
Ich beglückwünsche den Blogozentriker zu dieser glänzenden Replik auf einen dubiosen Leserbrief. Nicht dass der Blogozentriker Schützenhilfe von wissenschaftlicher Seite nötig gehabt hätte. Aber die nüchternenAusführungen von Prof. Miesmurz scheinen durchaus geeignet, die inzwischen überaus hitzige Debatte um den Blogozentriker und seinen angeblichen Niedergang wieder auf eine sachliche Ebene zu stellen.
Gestatten Sie mir, liebe Redaktion des Blogozentrikers, eine persönliche Anmerkung: nicht jeder Leserbrief verdient es ernst genommen zu werden – zumal im weltweiten Netz, wo im Schutz der Anonymität jeder Lump es wagt, exzellente Seiten wie die Ihre zu schmähen. Normalsinnige Leser wissen, was von solchen Kommentaren zu halten ist. Machen Sie weiter so!
Mit herzlichen Grüßen,
Wolfgang Weber