Wolfgang Weber — nach ersten Recherchen der Autor des Bestsellers „Fahrdynamik in Perfektion. Der Weg zum optimalen Fahrwerk-Setup“, Motorbuch Verlag, 29,90 Euro — springt dem Blogozentriker bei, indem er weidlich auf die „Lumpen“ schimpft, die es wagen, „im Schutz der Anonymität … exzellente Seiten wie die Ihre zu schmähen“. Da hat er recht, und wie! Wenn wir diesen „Ein Leser des Blogozentrikers“-Leserbrief-Lumpen zwischen die Finger bekämen, dann … geteert und gefedert gehören solche Ratten, und mit Tritten und Peitschenhieben durchs Dorf gejagt, auf einer Sau reitend, kahlgeschoren und nackt! (Aber das ist natürlich nur unsere ganz subjektive Meinung.)
Wie auch immer. Noch rasch etwas rätselhafte „normalsinnige Leser“ einführend, schließt Herr Weber sein balsamisches Schreiben mit dem sozialistischen Anruf: „Weiter so, Genossen!“
Auch Sandra Raven, die offenbar kein Wort deutsch spricht, liefert gleichwohl im Kommentarfeld ein flammendes Plädoyer für die sprachlichen Schönheiten dieses sehr speziellen Wissensportals am Rande der Blogosphäre ab. Sie weiß sich kaum zu halten: „I love your blog.
Cheers!“
Eine bewegende Liebeserklärung, ganz klar.
Gleichwohl kratzt unser Textchef sich beim Redaktionsfrühstück (vulgo: „Konferenz“) das Kinn. Sehr langsam, sehr nachdenklich. Es wirkt wie einstudiert, während langer, schlafloser Nachtstunden, und ich spüre, wie mein Magen sich zusammenschnürt. Wenn der Textchef sich die Mühe macht, etwas einzustudieren, dann … Endlich blickt der Textchef auf.
„Tja, Leute“, sagt er, sich ausgiebig räuspernd, „ihr habt’s mitgekriegt. Wir sind unter Beschuss geraten. Und ich muss leider sagen“, der Textchef schaut jetzt endlich zu uns auf, „nicht ganz zu Unrecht!“
Tim, der Grafiker, hat Tränen in den Augen — nicht, weil er am Blogozentriker hinge, sondern weil er weiß, dass er nie im Leben je wieder einen Job bekäme bei seiner Qualifikation.
„Bei uns hat die Routine Einzug gehalten“, fährt der Textchef fort, jetzt ganz offen von seinem Skript ablesend. „Ich habe das gestern gemerkt, als ich gesehen habe, wie viel Freude es euch gemacht hat, mal auf so eine Krise zu reagieren. Und das hat mir eigentlich erst gezeigt, wie gravierend unsere Krise in Wahrheit ist. Der Blogozentriker hat sich überlebt. Ich hatte nie das Herz, ein paar von euch Idioten vor die Tür zu setzen und dafür frisches Blut in diesen Laden zu pumpen. Stattdessen hab ich euch weiterwurschteln lassen. Und das war sicherlich ein Fehler.“
„Den kann man doch korrigieren!“ will ich rufen, doch der Textchef sagt schon mit fester Stimme: „Diesen Fehler zu korrigieren, ist es zu spät. Mir bleibt nur noch, dieses Start-up zu finishen, bevor wir Mainstream werden.“
Ich trete ans Fenster. Ich schaue hinunter auf die kleine Stadt, die dem Blogozentriker Heimat gewesen ist über all diese Wochen und Monate. Ich befinde mich im 88. Stock. n+2, die weltweit operierende, führende Medienagentur, bietet seinen Mitarbeitern spektakuläre Aussichten, das ist wahr!
Okay, denke ich, der Blogozentriker ist Geschichte. Aber es wird weitergehen. Jeden Tag müssen Millionen von Websites vollgetextet werden. Ach, Kinder, es geht immer weiter, und das ist leider auch alles, was weitergeht — um Karl Kraus anzuzitieren.
Hinter mir steht der Textchef auf. Ich sehe vor mir in der Fensterscheibe sein Spiegelbild, wie es die Seiten des Skripts, das vermutlich aus der Feder von Bert „Big“ Bruder höchstpersönlich stammt, zusammenrafft. Kurz zögert er, Bob Macha, unser Textchef. Er blickt mich an, fixiert meinen Rücken. Er zögert. Soll er mich ansprechen? Etwas Tröstendes sagen? Er weiß, dass ich Trost nicht nötig habe. Ich werde weich fallen. Irgendwo steht ein face2buns bereit, der von meinem Arsch ausgefüllt sein will.
„We’ll meet again“, sagt er. „Don’t know where, don’t know when, but I know we’ll meet again some sunny day. — Das gilt allerdings nicht für dich, Tim“, fügt er, an den Grafiker gewandt, hinzu. „So einem Scheißkerl wie dir hoffe ich niemals wiederzubegegnen!“
„Danke, gleichfalls“, gibt Tim mit seinem garstigsten Grinsen zurück.
Und das war’s dann.
Naja, dann sagen wir mal wieder leise Servus.
P.S.: Und was lese ich jetzt?
Ja, so geht’s dahin. Sic transit usw. usw. Aber schade isses doch.