Der Blogozentriker hatte eine schnarrende Stimme, eine höhnische Stimme, die einmal wie eine Säge durch das welke Fleisch meines Geistes schnitt, die dann wieder wie eine Peitsche … aber eines nach dem anderen! Sie haben mich nach meinen Erinnerungen gefragt, und die sollen Sie zu hören bekommen.
Wenn der Blogozentriker las, etwa im Gemeindezentrum von Wilhelmsburg, Hamburg, dann ließ er zunächst einmal die Wände mit schwarzen Tüchern verhängen. Schwarze, dicke, ausdruckslose Tücher. Nie hätte er an einem Pult — übrigens kamen nur die kargsten, formal mönchischsten Exemplare in Frage, die gleichwohl extrem kostbar sein mussten, aus erlesenen Hölzern gefertigt — nie also hätte er sich in einem Raum zum Lesen niedergelassen, der nicht den allerstrengsten Forderungen nach farblicher Askese entsprach. Das war ebenso wenig denkbar wie eine natürliche Lichtquelle. In Tageslicht, das war ganz klar, hätte der Blogozentriker nie und nimmer auch nur eine einzige kurze Zeile gelesen.
Den Stuhl, der an das Pult herangerückt wurde, in einem selbstverständlich genau bezeichneten Abstand, führte der Blogozentriker immer bei sich, das Möbel begleitete ihn von Station zu Station seiner Lesetour. Er pflegte bei seinen Auftritten einen grauen Anzug zu tragen, ein ganz unauffälliges, aber tödlich elegantes Modell, von dem er beinahe zwanzig identische Exemplare in seinen riesigen Koffern mit sich führte, weil er nichts so verachtete wie aufdringlichen Körpergeruch. Er ließ sich hinsichtlich seines Outfits von einem homosexuellen Modedesigner aus Mailand beraten, weil er den auf bizarre Kindheitserlebnisse zurückgehenden Verdacht hegte, in puncto Kleiderfragen nicht absolut wasserdicht zu sein. In Wahrheit aber war er es natürlich doch selbst, der die Wahl traf, und Pierluigi hatte nichts weiter zu tun, als seinen Chef für seine vortrefflichen Entscheidungen zu loben. Wirklichen Einfluss nahm Pierluigi Corolla nur bei den Schuhen.
Die Besucher der Lesungen mussten eine demütigende, ausufernde Leibesvisitation über sich ergehen lassen; die meisten von ihnen taten es, ohne zu murren. Sie wurden von groben, blöden Händen abgetastet, gedreht und vorsätzlich betatscht. Vorher ließ man sie noch stundenlang im Stehen warten, in einem kahlen Vorraum, weit über den angekündigten Termin hinaus. Der Blogozentriker, der darauf bestand, diese Musterungsexerzitien über einen im Nebenraum postierten Bildschirm zu verfolgen, ein Glas Martini mit (grüner) Olive vor sich, begründete seine Vorsicht mit Morddrohungen gegen seine berühmte Person. Tatsächlich hatte ihm vor etwa achtzehn Jahren mal ein Wahnsinniger in Wuppertal bei einer Lesung mit einem Messer gedroht, aus der fünften oder sechsten Reihe. Reale Gefahr hatte jedoch zu keinem Zeitpunkt bestanden, denn die Leibwächter waren damals sofort eingeschritten. Aber seitdem machte der Blogozentriker sich einen Spaß daraus, sein Publikum auf die beschriebene Art und Weise zu schikanieren.
Es war eine sonderbare Hassliebe, die seine Fans mit ihm verband. Seine Lesungen hatten nicht selten den Charakter von Dompteurnummern, wobei die wilden Tiere nicht durch die Stäbe eines Käfigs, sondern nur durch den halben Höhenmeter des Podests von dem Vortragenden getrennt waren. Ich deutete es eingangs an — der Blogozentriker liebte es, die Peitsche knallen zu lassen, um damit den Menschen, die gekommen waren, um an seinen Lippen zu hängen, eins überzubrennen. Er war Pastorensohn, und das mag sein schräges, von sexueller Ambivalenz geladenes Verhältnis zu seinen Anhängern erklären.
„Ich verlange mir viel ab“, sagte der Blogozentriker einmal in meiner Gegenwart, „und ich verlange darum, dass sich auch meine Zuhörer einiges abverlangen.“
Seine einzige Waffe war ein Glas Wasser, das vor ihm auf dem Pult stand, zu drei Vierteln mit exakt 11 Grad Celsius kühlem Harzwasser gefüllt. Seine Zuhörer hielten den Atem an, wenn er seine Lesung kurzzeitig unterbrach, die zarte, feingebildete Hand nach dem Glas ausstreckte und sorgsam seine Lippen benetzte. Doch geschah nie etwas anderes, als dass er genau das tat, was ich eben beschrieben habe. Nach dieser Lippenbefeuchtung setzte er dann seine Lesung mit jener spitzen, splitterig-scharfen Stimme fort, die mir noch heute einen Schrecken einjagt, wenn ich mich ungewollt an ihren Klang erinnere, etwa wenn in der Nähe kreischend eine Straßenbahn um die Kurve fegt.