Die Weisheit der Avatare

Juli 7th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“Ich soll für.” Ich öffne den Mund. Ich öffne ihn sehr weit, überlege zu schreien, schließe ihn dann aber wieder. Es macht ein metallisches Geräusch, als meine Lippen sich aufeinanderlegen. “Für Cyclops Media schreiben? Ist das euer Ernst?”
Ich sehe mich in der Runde um. Mein Genick gibt dabei ein Quietschen von sich.
“Tja, was willst du machen”, sagt Bert “Big” Bruder. Er rammt sich eine Zigarre zwischen die Lippen, weswegen seine Worte fast komplett unverständlich sind. “Die haben nun mal den Blogozentriker gekauft.” Er blinzelt Arnd Geigger an, der seine Hand den Schenkel von Simone, seiner Assistentin, hinaufwandern lässt. “Sie haben n+2 gekauft, genauer gesagt. Und damit sind wir jetzt alle die Angestellten von … ja, Arnd, von wem eigentlich genau?” Bruder nimmt die Zigarre aus dem Mund. “Wer hält eigentlich das hinterste Ende der Fäden in der Hand?”
Arnd Geigger grinst nur und blickt seiner Assistentin frech ins Gesicht. Sie lässt sich nichts anmerken. Sie tut, als wäre nichts. Sie starrt stur geradeaus, an die Wand neben meinem Hinterkopf. Ihr Gesicht ist schön und glatt und absolut leer. Ich bewundere diese Frau! Sie ist ein echtes Cyclops-Media-Produkt.
“Freunde”, sagt Geigger, “wir gehören jetzt alle dem Weltkulturerbe. Das haben wir nämlich auch gleich aufgekauft.”
“Die UNESCO?”
Ich flüstere es ungläubig.
Arnd Geigger zuckt die Achseln, und Simone verzieht schmerzhaft ihr Gesicht. “Die UNO, halt”, sagt der böse Mann.
Ich wende mich Batman zu. “Und du hast dazu gar nichts zu sagen, oder wie?”
“Meine Güte”, sagt der Superhero, “ich bin eine Schundfigur, eine Pulp-Fiktion. Was soll ich, erfunden vom kulturellen Abschaum, denn dazu sagen? Ich kann doch froh sein, dass ich mal für ein paar Minuten niemanden durchs Fenster kicken muss.”
82. Stock.
Batman macht eine Geste, die seine totale Machtlosigkeit demonstrieren soll, und führt übellaunig seine Kaffeetasse an die Lippen.
“Das Einzige, was mich wundert”, wirft Bob Macha ein, der heute aussieht wie eine Emanation des Cool, mit der Trompete und seinen Füßen auf der Stuhllehne seines Kompagnons, “ist, dass man die UNO überhaupt kaufen kann.”
“Die waren halt total pleite”, erläutert Witzkowitz, Geiggers rechte Hand. “Da war es natürlich nur absolut konsequent, dass wir uns nach dem Weißen Haus im nächsten Schritt die Aktienmehrheit an der UNO gesichert haben.”
“Es ist abwärts gegangen und immer weiter abwärts mit der Kultur”, sagt Georg. “Das war beinahe wie bei einem Fahrstuhl, der in die Tiefe stürzt. Ich hab’s regelrecht mit der Angst zu tun bekommen.”
Er ist schmaler geworden in der Zeit, die wir uns nicht gesehen haben. Ein Leser hatte mich beinahe kalt gemacht, in einer düsteren Seitenstraße, als ich, mit einem Sechserpack Bier, auf dem Heimweg war, ein paar flotte Headlines für den morgigen Tag im Kopf. Bang! Dieser Dreckssack hatte mich kalt erwischt, von hinten, und ich hatte Rache geschworen. Okay, Batman hat ziemlich skeptisch geguckt, als einer wie ich, so ein Hänfling, der nicht mal eine Bierdose zerquetschen kann, ohne am nächsten Morgen Muskelkater zu haben, schreckliche, archaische Flüche ausstieß, Verwünschungen auf Leben und Tod! Und das alles noch zwischen randvollen Müllcontainern! Aber es war mir ernst gewesen damit, und da Batman mein Zeuge war, musste ich jetzt auch zu meinem Wort stehen.
Verdammt!
Ich Idiot.

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