Ich betrat den Backstage-Bereich. Hamburg, Wilhelmsburg, Gemeindezentrum. Hinter mir, im Saal, tobte das Fan-Volk, rief nach mehr, nach einem einzigen kleinen Encore. Aber ich wusste, dass es keine Zugabe geben würde. Das war ein ehernes Prinzip der „Neverending Lese Tour“. Die Roadies begannen schon, die schwarzen Tücher von den Wänden zu nehmen. Einer aus dem Publikum hatte sich eine Kerze geschnappt, als Devotionalie, und dafür wurde das arme Schwein jetzt draußen in der Problemstadtteilnacht brutal verdroschen, von den Bodyguards, die auch noch auf ihre Kosten kommen wollten. Es waren Mitglieder der „Hell’s Angels Wilhelmsburg“, schwere, stumpfsinnige Jungs. Der Dieb war einfach nicht flink genug gewesen.
Ein Leibwächter, der den wahnsinnigen Namen „Doc Violence“ trug, packte mich unvermittelt und klopfte meine Seiten ab. Dabei hätte er mir um ein Haar ein paar Rippen gebrochen.
„Immer mit der Ruhe“, sagte ich und reichte ihm meine Beretta, eine 21 Bobcat, Kaliber 6.35, mit acht Schuss.
„Das taugt aber nur zur Selbstverteidigung“, knurrte der Doc.
„Als Autor bei diesem Blog hat man das zuweilen nötig“, gab ich mit einem Grinsen zurück und schob mich in die provisorische Garderobe.
„Aber die bekomm ich wieder, oder?“ sagte ich noch.
Doc Violence legte auf mich an.
„Mal sehen, Alter.“
Der Blogozentriker war vollkommen fertig. Schweiß strömte ihm in den Nacken, seine Augen waren groß und verzweifelt und leer. Er hockte verloren auf einem wackeligen Stuhl. Sein Maßanzug klebte an ihm.
„Ich press in zitternde Gestalt“, deklamierte er mir vor, „Wut und Gewalt!“
„Na ja, klar“, sagte ich und reichte ihm ein Bier vom Büffet. Er schüttelte den Kopf.
„Danke“, sagte er, „nicht für mich. Ich nehme lieber eine Bionade.“
„Himbeer oder Orange?“ fragte ein Kunststudent mit dicker schwarzer Brille beflissen. Er war so eine Figur, die nie anders als ganz in Schwarz zu sehen war, mit einem Strauß geistreicher Bemerkungen in der Hand.
„Der Blogozentriker trinkt keinen Alkohol“, sagte der Tourmanager, ein Finsterling mit grauer Kapuze und Sonnenbrille, der sich die ganze Zeit neben uns herumdrückte.
Der Kunststudent stemmte mit dem Flaschenöffner den Kronkorken von der Bionade.
Ich zuckte die Achseln. „Das tut Tom Waits auch nicht.“
„Ich scheiß auf Tom Waits“, sagte der Tourmanager.
„Tom Waits trinkt nur schwarzen Tee.“
„Tom Waits ist ein Künstler, den man achten muss, Ricky“, stöhnte der Blogozentriker, an den Manager gewandt. Er schien Schmerzen zu haben. Er hatte sich in einem gesundheitsbedrohlichen Maße verausgabt, merkte ich. Hm, dachte ich, der nimmt seine Mission ernst! Das immerhin.
„Ich ziehe Neil Young vor“, meinte der Tourmanager. Mir fiel jetzt erst auf, dass der Typ sich einen Joint drehte.
„Sie lassen zu, dass der sich einen Joint dreht? In einem Gemeindezentrum?“ wunderte ich mich, mich dem Blogozentriker zuwendend. „Sie sind doch sonst immer für Moral und Anstand?“
Der Blogozentriker winkte müde ab. „Das sind diese Kultur-Asseln. Die sind alle süchtig, oder sie glauben, es zu sein. Das ist deren Lifestyle. Damit müssen Sie leben.“ Er sah zu mir auf. „Wie heißen Sie, mein Freund?“
Ich nannte meinen Namen. Marvin C. Schmidt.
„Ich schreibe einen Tour-Bericht für den ‘Rolling Stone’“, sagte ich.
Der Blogozentriker schüttelte sanft den Kopf.
„‘Rolling Stone’? Was ist das denn?“
„Ach“, gröhlte der Tourmanager gehässig, „das ist so ein Rock’n'Roll-Magazin aus besseren Zeiten, als es noch Musik gab. Heute machen die nur noch PR für Plattenfirmen!“
„Ist das wahr?“ fragte mich der Blogozentriker.
Ich zuckte verlegen die Achseln. „Na ja. Die Zeiten ändern sich.“
Der Blogozentriker nickte. „Was denken Sie, Marvin. Hab ich’s dem Pack tüchtig gegeben?“ Durch zusammengekniffene Lider fasste er mich streng ins Auge. „Was meinen Sie? War ich brutal genug? Hat’s den Schweinen auch wehgetan?“
„Definitiv“, brummte der Manager.
„Du halt die Schnauze“, sagte der Blogozentriker grob.
„Doch, Sie waren rücksichtslos“, sagte ich und kippte mir einen Mundvoll Beck’s hinter die Kiemen.
Irgendwie mag ich diesen Mavin. Wir trinken schließlich bei de ern mal ein Beck’s.
Nebenbei: Wie kam eigentlich das ‘ in Beck’s? Historisch jetzt.
Wikipedia weiß eine Antwort: „Die Schreibweise des Markennamens ‘Beck’s’ (von der Brauerei Beck & Co., Bremen, d. Red.) ist im Deutschen nach der Rechtschreibreform nicht mehr falsch, da nach den neuen Regeln zur Verdeutlichung bei Eigennamen im Genitiv ein Apostroph gesetzt werden kann. Die Schreibweise war im 19. Jahrhundert gebräuchlich. Sie ist durch die internationale Ausrichtung, vor allem im englischsprachigen Raum, zu erklären.“ Ungeklärt ist hingegen, wie das R aus dem Namen „Marvin“ verschwand. Hat es sich mit dem G von „gern“ auf eine Landpartie verdünnisiert? Wikipedia — übernehmen Sie!