Werbespot für die Literatur

Juli 8th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn Literatur einen Sinn haben soll, dachte ich gerade, die Magazinrundschau des “Perlentauchers” überfliegend, dann muss sie doch ein alternatives, besonderes Sprechen über etwas ermöglichen — also eine Methode darstellen, unser Leben, uns alle betreffende Dinge und uns allen gemeinsame Erfahrungen in einer Art und Weise darzustellen, die dem Journalismus nicht möglich ist. Beispielsweise die Empfindungen eines Serienkillers im Augenblick des Tötens. Das kann, das darf ein Journalist nicht schildern, es sei denn, er wäre selbst ein Massenmörder, aber dann ist die Frage, welche Publikation sich dazu hergibt, ihm den Auftrag für einen solchen Artikel zu erteilen. Wer will lesen, wie ein echter Massenmörder über seine Berufung denkt?

Der Schriftsteller hingegen darf, ja, er muss sich sogar in solche Gedankenwelten hineinfühlen. Das akzeptieren wir nicht nur — wir freuen uns darüber. Der Schriftsteller setzt sich also oben in den Baum und spioniert sein nächstes Opfer erst einmal sorgfältig aus. Wann bringt es den Müll raus? Wie sind die Sicherheitsvorkehrungen, die es abends trifft, vorm Zubettgehen? Wie ist es generell um seine Verteidigungsfähigkeit bestellt? Wie weit ist der Weg von der hinteren Tür bis zum Schlafzimmer?

Usw. usf.

Ich will damit andeuten, dass in jedem von uns so ein Serienmörder wohnt. In den allermeisten Fällen kommt er nicht zum Zuge, zum Glück, aber es ist meine feste Überzeugung, dass er da ist. Warum sollten wir uns sonst für seine Gewohnheiten interessieren? Ab und an, wenn im Fernsehen Michael Manns “Manhunter” läuft, hören wie, wir er tief in uns gluckst. Die Vorlage für “Manhunter” schrieb übrigens Thomas Harris mit dem Roman “Der Rote Drache”, der später noch einmal verfilmt wurde, mit Edward Norton und Ralph Fiennes in den Hauptrollen von Menschenjäger und Menschenjägerjäger.

In “Der Rote Drache” führte Harris eine Figur in die Weltkultur ein, um die herum — resp. deren Erfolg zu Ehren — später gleich zwei Sequels entstanden: “Hannibal” und “Hannibal Rising — Wie alles begann”. Hannibal Lecter sah keinen Widerspruch darin, Johann Sebastian Bachs “Goldberg-Variationen” zu hören und gleichzeitig einen Polizisten aufzuschlitzen. Obwohl das nicht unbedingt ein alltägliches Verhalten ist, neige ich doch zu der Ansicht, Literatur sei die Kunst, nichtalltäglich über ganz alltägliche Dinge zu sprechen und dadurch Freiheitsräume zu schaffen. (Insofern ist das alltägliche Sprechen über nichtalltägliche Dinge, wie es die popliterarischen Proktologinnen und die französischen Nazi-Schocker-Autoren praktizieren, ein nichtkünstlerischer Akt.)

Der Journalismus hingegen hat die Aufgabe, uns ein Gefühl von Gefangensein zu vermitteln. Warum das so ist, das weiß ich nicht — aber dass es so ist, daran kann ich kaum zweifeln. Dass wir Gefangene seien in dieser Welt, das ist die eigentliche Message jeder journalistischer Äußerung.

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