Der Blogozentriker: Gründe für seinen Niedergang (Teil 2)
Juli 9th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
- Herr B., Sie haben mir in der Vorbesprechung gesagt, Sie hätten keine Lust, sich an sich selbst zu blamieren. Wie ist das gemeint?
Der Anruf erreichte mich mitten in der Nacht. Keine Ahnung, wo der Blogozentriker meine Nummer her hatte. Er behauptete, er kenne den berühmten Memologen Georg Baur, und meine legendäre Interviewserie mit ihm (“The Mem Is The Message”) habe bei ihm “bleibende Eindrücke” hinterlassen. So wie er am Telefon klang, hätte ich allerdings eher auf bleibende Schäden getippt. Doch war Herr B., wie er mich bat ihn zu nennen, wohl wirklich nur betrunken. Denn als ich ihn ein paar Tage später auf dem Markusplatz von Venedig traf, war er artikulationsklar und ausgeruht. Er blickte in den blauen Himmel und sagte, er freue sich, dass ich ihm Gelegenheit gäbe, die Dinge klarzustellen. Ich holte mein Diktaphon aus der Tasche, und los ging’s.
- Ich will Ihnen nichts vormachen, Darius. Wenn ich einen Artikel lese wie “Hinter dem hier kommt nichts mehr, aber alles ist gut”, dann weiß ich, dass so etwas heute für mich nicht mehr zu erreichen ist. Ich kann dafür heute andere Dinge, aber so etwas schreiben, das hab ich einfach nicht mehr drauf.
- Sie glauben ja auch stark an die Theorie, dass Dichtung immer Kampf sei, ein Antagonismus?
- Ja, ich bin in dieser Hinsicht Haroldbloomist. Ich bin in vielerlei Hinsicht sicher kein Haroldbloomist, aber was den Gedanken von der Einflussangst angeht, stimme ich ihm voll und ganz zu.
- In diesem Fall hätten Sie also Angst vor sich selbst?
- Ja, wirklich. Ich weiß, dass ich an diesen Hürden, die ich selbst errichtet habe, nur scheitern kann. Sehen Sie, das ist wie bei einem 100-Meter-Läufer. Irgendwann knackt er vielleicht die 10-Sekunden-Marke. Er läuft, was weiß ich. 9,98 Sekunden. Von da an wird er versuchen, auf 9,97 Sekunden zu kommen. Das wird er eine Weile versuchen, vielleicht zwei, drei Jahre. Danach dann wird er aufgeben. Er wird einsehen, dass sein größter Moment hinter ihm liegt und er seine ganz private Schallmauer einfach nicht mehr durchbrechen kann. Nun hat ein Sportler natürlich den Vorteil, dass er seine Karriere mit 30, spätestens 35 ruhigen Gewissens beenden kann.
- Sie haben mit 35 überhaupt erst angefangen!
- Ja, ich konnte eigentlich erst loslegen, als es mit meiner Vitalität vorbei war. Als ich kein junger Mann mehr war, dessen Sätze dampften vor Ungestüm. Das hat mich immer blockiert. Ich empfand meine Vitalität als viehisch. Sie kam mir schmutzig vor. Schweinisch.
- Als Vorbild nannten Sie mal Hemingway.
- Hemingway war sicherlich stilbildend in vielerlei Hinsicht. Er ist vermutlich der einflussreichste Schriftsteller unserer Zeit, auch wenn viele ihn als Autor von Jungsgeschichten verunglimpfen. Ich meine, das war er! Natürlich. Aber genau das begründet seine Größe. Seine Fähigkeit, die Komplexitäten des modernen Lebens auf eine Frage der Vitalität zu reduzieren.
- Das ließ sich allerdings nicht unbegrenzt durchhalten.
- Nur mindere Talente als Hemingway können seine Pose ein Leben lang durchhalten. Journalisten können das. Er selbst merkte irgendwann, dass diese Pose ein Fake war, ein Bluff. Diese Pose setzte nämlich die Naivität eines jungen Mannes voraus, dessen Chuzpe. Und die Großzügigkeit, die die Gesellschaft eben nur sehr jungen Männern entgegenbringt. Und von da an war Hemingway natürlich als Schriftsteller erledigt. Als Selbstdarsteller blieb er allerdings unübertroffen, meinen Sie nicht?
- Eine Story wie “Letzten Endes sind Medien doch nur” ist auch im höchsten Maße vital!
- Ja, aber es ist eine gebrochene Vitalität! Dieser Vitalität würde ich nicht trauen. Da haben Sie einen Millionendieb, der an der eigenen Courage zweifelt.
- Genau das war Ihre Spezialität.
- Das war meine Pose. Und genau das bring ich nicht mehr. Ich bin heute ein anständiger Schriftsteller, mäßig kraftvoll, mäßig einfallsreich. Aber ich wage nichts mehr. Ich lasse andere Leute für mich die Kastanien aus dem Feuer holen. Ich habe mich zurückgezogen. Ich warte nur noch ab.
- Und das ist der eigentliche Grund für den Niedergang des Blogozentrikers?
- Vau hat das mit dem Instinkt der Bosheit gewittert, dass mir die Zähne ausfallen. Sehen Sie, es ist doch so. Warum soll ich etwas noch einmal schreiben, das ich bereits geschrieben habe? Es ist, wie Friedrich Schlegel gesagt hat. Man schreibt immer denselben Text. Immer und immer wieder. Man schreibt ihn so lange, bis man ihn so gut hinbekommen hat, wie es einem überhaupt möglich ist. Und ich merke, dass meine Pastiches von mir selbst immer unglaubhafter werden.
- Das ist tragisch.
- Tragisch? Du lieber Himmel, nein! Es ist allenfalls alexandrinisch! Ich werde ein hervorragender Alexandriner sein!
- Nur eben kein Alexander?
- Ja.
Das Gespräch führte Darius Dumme.
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