Kritik als Abwehr
Juli 10th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
- Am meisten fasziniert mich das menschliche Talent zum Missverstehen. Zum Aneinander-vorbei-Reden.
- Sie meinen, der Mensch LEBT vom Missverstehen? Von Missverständnissen?
- Harold Bloom legt das für die großen Dichter nahe (in “Topographie des Fehllesens”, d. Red.) — warum soll diese Beobachtung für die kleinen Alltagsmenschen keine Gültigkeit haben?
- Sie meinen also, wir WOLLEN uns nicht verstehen?
- Natürlich kann man auch zum Erklärungsmittel der Tragik greifen. Das klingt dann so: “Tragischerweise reden wir andauernd aneinander vorbei.” Irritierend ist hierbei nur, wie andauernd dieses Andauernd ist! Warum geben wir keine Sekunde Ruhe beim Missverstehen?
- Weil wir nicht wollen, würden Sie sagen?
- Ich weiß, es ist keine besonders freundliche oder erfreuliche Lösung. Aber sie bietet den großen Vorzug einer gewissen Eleganz.
- Aber welchen Vorteil bietet es mir, mein Gegenüber misszuverstehen? Was habe, konkret, ich davon, wenn ich Sie jetzt missverstehe?
- Das bewahrt Ihnen Ihre Deutungshoheit. Sie können an Ihrer Arbeitshypothese festhalten, dass dieser andere, ich, ja wohl keine Ahnung habe. Jedenfalls, das ist klar, hat er die Sachlage noch nicht ganz richtig erfasst. Dazu sind nur Sie in der Lage. Insofern missverstehen eigentlich gar nicht so sehr Sie Ihr Gegenüber, also mich — im Grunde missversteht Ihr Gegenüber Sie! Aber das müssen Sie mir nachsehen, dass ich Sie nicht verstehe, denn ich bin einfach nicht einsichtsvoll genug, um Ihnen gerecht werden zu können. Und darum beharre ich so eigensinnig, uneinsichtig auf meiner Theorie vom notwendigen Missverstehen.
- Für unser Selbstbewusstsein ist dieses Talent zum Missverstehen also eine prima Sache?
- Sehen Sie. Wenn das, was Sie sagen, den Nagel schon voll auf den Kopf trifft und die Sache ein für alle Mal erledigt — wozu bräuchte man dann noch mich? Das ist die Frage. Wirkliches Verstehen Ihres Standpunkts zuzulassen, bedeutet für mich eine wahnsinnige narzisstische Kränkung.
- Insofern wäre es geradezu NOTWENDIG, dass Sie widersprechen? Für Sie notwendig, meine ich?
- Wenn ich Ihnen voll und ganz zustimme, lösche ich mich aus. Ich sagte dann: “Man braucht mich ja nicht!” Und um widersprechen zu können, muss ich Sie erst einmal missverstehen.
- Aber darf ich eine Praxisbeobachtung einschalten? Man erlebt doch immer wieder, dass Leute einem zustimmen: “So ist es, genau so!”
- Ja, aber das ist ja nicht zu übersetzen als: “Ich verstehe Sie!” Es bedeutet vielmehr, wörtlich übersetzt: “Aha, endlich, jetzt haben Sie’s, jetzt haben Sie mich verstanden!”
- Eine solche Zustimmung löscht eigentlich mich aus, indem sie mir Recht gibt?
- Der Mensch ist ein trickreicher Selbsterhaltungstriebtäter!