Sie waren Freunde. Niemand wusste so genau, warum, und in der Tat: viel verband sie nicht. Der eine liebte Judith Butler und die vorsichtige Dekonstruktion von Geschlechterrollen, der andere las Wittgensteins “Philosophische Untersuchungen” wie ein Witzbuch, und darum las er meist überhaupt nur die “Titanic”, das Satiremagazin, und ab und an, im Café, die “Frankfurter Rundschau”. Der eine nahm sich die Welt wahnsinnig zu Herzen und stürzte sich in postkolonialistische Seminare, in denen die Relevanz von Shakespeares “The Tempest” für den “Diskurs über Das Wilde (Caliban)” abgehandelt wurde. Der andere blieb zu Hause und schaute “Sportschau”, und danach zog er sich noch eine “Batman”-DVD rein. Der eine hörte nicht auf, um wahre Liebe zu kämpfen, ohne mehr zu erlangen als eine Kellerwand voller Tapferkeitsmedaillen, dem anderen war’s genug, wenn er zwei Mal in der Woche vögeln konnte, drei Mal, wenn’s gut lief.
Und trotzdem waren sie Freunde, weil sie vor langer, langer Zeit in einem weit, weit entfernten Universum mal zusammen die Schulbank gedrückt hatten. Es ist schon verrückt: Man erlebt, man überlebt so vieles, bringt so viele krude Geschichten hinter sich, glaubt, man sei endlich erwachsen geworden, wacht nicht mehr jeden Morgen mit diesem Schlucken im Hals auf, das nach Heimweh schmeckt, sondern mit der Frage, wie man diesen Tag jetzt auch noch überstehen soll. Und dann sieht man einen Idioten wieder, der einem, im Grunde genommen, schon vor zwanzig Jahren auf den Sack gegangen ist, und alles ist wie früher. Da sind Verbindungen, die so tief und schmerzhaft sind, in diesem Punkt sind die intimsten Herzfäden miteinander verwachsen — das findet alles im subkutanen, subliminalen Bereich statt und verwandelt uns glatt in Gespenster.
Angesichts dieser Erfahrung fragten sich beide — und das verband sie dann doch für magische Augenblicke in einem unsichtbaren Reich höherer Harmonie –, ob etwa ihr ganzes Leben ein Trug gewesen sei. Dieses Hineinwachsen in Rollen, das abendliche Ausgehen, das Biertrinken, das Meinungsbilden, die Besuche im Fitness-Center, die Wohnortwechsel und die Wahlberechtigungen, die ungelesenen Bücher, das Herumficken oder die sexuelle Dürre, das Studium, die Examen, das Gefühl, jemand zu sein. Warum fiel das alles nicht ins Gewicht, sobald M. aus der zehnten Klasse wieder vor einem saß? Man konnte sich gegen die Überwältigung durchs Gefühl nicht wehren, weil man selbst eigentlich gar nicht in Betracht kam. Man sah einem Zwang ins Auge, einer furchtbaren Notwendigkeit, und man begriff, dass alles falsch gewesen war, was man getan hatte, alles, weil es ausgegangen war von einer Unvermeidlichkeit, der man hatte ausweichen wollen.