Im Knochen Comedy Club
Juli 12th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
- Ich bin mir einfach noch nicht sicher, ob wir das wirklich so machen sollten, sagte der Intendant, mit seinem fetten Finger in seinem Ohr popelnd, und Robert-Louis von Kraßkow warf Tommy Schnell einen kurzen Blick zu, um ihn zu beschwichtigen.
- Es wäre allerdings ausgesprochen dämlich, sagte der grauhaarige von Kraßkow mit seiner volltönenden Grabesstimme, das nicht zu machen.
- Aber ein Stück über einen toten Säugling? Der Tommy Schnells Vater ist? Bzw. war?
Ekel und Erstaunen mischten sich in den Gesichtszügen des Intendanten, eines jovialen, korpulenten Mittfünfzigers, der sich auf einen netten Grillabend unter der Markise auf seiner Terrasse gefreut hatte, im Kreise von Gattin und Töchtern — und jetzt so eine Scheiße! Natürlich, von Kraßkow in seinem eleganten Maximilianstraßen-Anzug, mit seinen handgefertigten Schuhen und dem Glasauge, das speziell für ihn in Murano hergestellt worden war. Von dem war schließlich nichts anderes zu erwarten als solche Geschmacklosigkeiten! Aber. Er blickte Tommy Schnell an. Eigentlich hatte der Schriftsteller immer einen guten, verlässlichen, halbwegs klaren Eindruck auf ihn gemacht. Einen gutbürgerlichen Eindruck. Jetzt aber schien der junge Mann beinahe zu schielen. Ob der besoffen war?
Der Intendant strich sich besorgt über seinen Schnauzbart.
- Wir regredieren im Augenblick doch alle zu Säuglingen. Es gibt von daher eine stabile Anbindung an den öffentlichen Diskurs. Von Kraßkow schaffte es, seine Stimme kein Stück zu modulieren, während er sprach. Wir werden wieder zu hilflosen Kindern, zu, wie unser Tommy das nennt, “Strichjungen der Infantilität”, die vom Staat im Wägelchen durch die Straßen geschoben werden, bis endlich das Abendprogramm beginnt. Ob Fernsehen oder Party oder. Von Kraßkow machte eine Kunstpause, bei der seine Augen, dachte der Intendant, beinahe so etwas wie ein Lebenszeichen von sich gaben. Oder Theater. Was wir brauchen, ist ein Schnuller im Mund.
Beinahe wäre da was Menschliches in dir gewesen, von Kraßkow, dachte der Intendant und schob die paar Papiere vor ihm auf dem Schreibtisch zusammen. Verträge für das Weihnachtsmärchen. Er fröstelte, merkte er, obwohl es ein angenehmer, wenn auch etwas tröpfeliger Sommerabend war. Von Kraßkow hatte seinen Arm um die Schultern von Tommy Schnell gelegt, und der Autor schien dadurch noch mehr an Statur verloren zu haben. Dass Schriftsteller so wenig Wert aufs Äußerliche legten! Gerade im Theaterbetrieb konnte man sich das nicht leisten, im Grunde.
- Tja, na ja, mag ja alles sein. Gleichwohl. Der Intendant räusperte sich. Gleichwohl haben wir als Stadttheater, auch wenn es sich um Peine handelt, gewisse Verpflichtungen. Wir können nicht einfach völlig obskure, also, unverständliche Projekte stemmen, von denen wir selbst nicht so richtig sagen können, was.
Er brach ab.
Robert-Louis von Kraßkow beugte sich vor.
- Überlassen Sie die Verargumentierung gegenüber der Öffentlichkeit ruhig mir, sagte er leise. Das nehme ich in die Hand. Tommy Schnell hat ein paar Ideen, die wirklich erstklassig sind, Chef. Damit könnten wir einen Kracher starten, den sogar “Theater heute” nicht ignorieren … dürfte.
Hinter den Brillengläsern des Intendanten glitzerte etwas. Das Stadttheater Peine war in den 53 Jahren seines Bestehens noch nie in “Theater heute” gewesen!
- “Theater heute”, so. Er kaute auf seiner Unterlippe herum. Sie können Ihr Exposé ja mal dalassen, Tommy, sagte er zu Tommy Schnell. Und wir, Herr von Kraßkow und ich, besprechen das dann beim nächsten jour fixe mit den übrigen Dramaturgie-Kollegen. Deren Rat müssen wir natürlich auch einholen.
Robert-Louis von Kraßkow war drauf und dran, mit den Zähnen zu knirschen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, was diese Silvia Wilderding, diese hysterische Schlampe mit ihrem Jugendtheatertick, zu dem Projekt sagen würde. Ihr käme das alles “pervers” und “wahrhaft schockierend” vor. Die war so ein Gutmensch, furchtbar! Schon ihre Batikkleider … dieses weltferne Gesindel mit seiner Fernostsentimentalität zerspeichelte mit seichtem Geseier die Grundlagen der Kunst, das lag auf der Hand.
Das eigentlich Grauenhafte aber war, dass auch Jobst Frosch, der dritte Dramaturg, so ein Idiot war. Der hielt das Theater ganz ernsthaft für eine moralische Anstalt! Er, Robert-Louis von Kraßkow, hatte hingegen seinen M. A. mit einer gewagten Arbeit über “Das Theater des Schrecklichen. Ursprung der Unterhaltung im Opfer” erworben. Mit Ach und Krach, mit Müh und Not, wie man sich, wenn man den ganz auf Defensivspiel eingestellten akademischen Betrieb kennt, leicht vorstellen kann. Aber am Ende hatte sich doch niemand von Kraßkows herrlich suggestiver Beweisführung entziehen können. Die Dozenten waren gewissermaßen eingeknickt und hatten den in ihren Augen Wahnsinnigen gewähren lassen — er sei halt “brillant”, wenn auch “verantwortungslos”, hatte man sich hinter vorgehaltener Hand verständigt. Man wollte ihn sich, das war einhellige Meinung, nur schleunigst vom Halse schaffen.
- Na, sagte der dämonische Textvermittler jetzt, dann lass mal rüberwachsen dein Exposé, Tommy!
Und er grinste den Schriftsteller, der sich mittlerweile gnadenlos deplatziert fühlte, mit einem totenschädelartigen Grinsen an.