Nee, nee, sagt mir der Dramaturg, dessen Text gerade im Stadttheater Peine seine Welturaufführung erlebt hat, nee, die Schauspieler, die müsse man manipulieren, knallhart, eiskalt!
Ich schau ihn mir an, diese Type. Er ist eher schmächtig, hat einen ziemlichen Wasserkopf, und trägt einen Anzug mit stahlbetongrauer Krawatte. Er zwinkert langsam, langatmig, irgendwie amphibisch, und ich frage mich, ob das mit seinem Asthma zusammenhängt. Seine Mundwinkel hängen viel zu weit herab für sein Alter, auch für seine Lebenssituation. Wie gesagt, sie haben gerade seinen Text aufgeführt, “Tita Nick”, über eine alt gewordene Pornoqueen, die es als Talkshow-Host noch einmal wissen will und das Privatfernsehen aufmischt. Ziemlich konfuser Quatsch über eine Mediengesellschaft, in der alles nur noch von Gerede am Leben gehalten wird.
Ich meine, in der Grundanlage stimmt das ja alles, Gewäsch regiert die Welt, und sicher hat der Stoff deshalb seine Meriten. Aber wer vermag sich eine Pornodarstellerin als Muster der Eloquenz vorzustellen? Ich meine, allein aus Gründen professioneller Deformation kommt doch sicher nur noch Stöhnen heraus, wenn die den Mund öffnet, oder? Eine Frau, um es mal deutlicher zu sagen, die davon lebt, dass sie sich in aller Öffentlichkeit ficken lässt, und die dabei einen IQ von 130 im Kopf aufbewahrt? Worüber soll die denn während der ganzen Bumsszenen nachgedacht haben? Über den Ursprung des Universums? Über Schwarze Löcher, okay, haha …
Der Dramaturg dürfte also eigentlich nicht meckern, ihm geht es, den Umständen entsprechend, sehr gut, wie ich finde. Mit den Umständen meine ich übrigens, falls Sie das noch nicht herausgehört haben sollten, dass er eine ziemlich Pflaume ist. Sein Text ist ein struppiges Ding, schwer einzuordnen, vom Satzbau her an der Sprache der Werbung geschult, und deswegen macht es auf den ersten Blick was her. Wenn man sich aber näher damit beschäftigt, verliert man ziemlich bald die Nerven. Man fragt sich die ganze Zeit über, was eigentlich nicht stimmt, der Text oder man selbst? Die Textbasis hat ein hochneurotischer Provinzmusikus mit einem Zuckerguss von Neutönerei überzogen. Ein Klanggewitter, eine dekonstruktivistische Kakophonie, sehr, sehr ambitioniert und entsprechend anstrengend, du lieber Himmel!
Um Erschöpfungszuständen, die Text und Musik in Kombination durchaus auslösen könnten, entgegen zu wirken, hat man wunderschöne Kostüme für viel zu viel Geld (das Stadttheater Peine ist immerhin eine Klitsche) und ein tolles, suggestives Bühnenbild herstellen lassen und drei phantastische, natürlich auch viel zu teure Schauspieler engagiert. So ist es ein verstörend runder, lustiger, süß-stacheliger Theater-Abend geworden. Ein Experiment. Die Leute lieben Experimente. Sie geben ihnen das Gefühl, dass noch nicht alles verloren ist.
Ich sage: Na, okay, aber Schauspieler, haha, das seien doch auch Menschen, irgendwo. Nicht?
Der Dramaturg blinzelt mich echsenhaft an. Er ist etwas kleiner als ich, vielleicht drei Zentimeter — das ist schlecht zu schätzen. Aber kleiner ist er!
Das könne man wohl so sehen, sagt er, etwas gelangweilt, ja. Vielleicht. Aber dann seien Schauspieler eben auch Schauspieler, fügt er hinzu, also eine ganz eigene — er hustet knapp und scharf — Spezies. Das solle ich mal besser nicht vergessen, wenn mir mein Leben lieb sei!
Wie, sage ich, etwas aufgebracht, wollen Sie mir drohen, Mister?
Er zieht seine Mundwinkel in die Waagerechte, was die größtmögliche Annäherung an ein Lächeln darstellt, die ihm möglich ist.
Ach, Quatsch, sagt er, und ich solle mich mal nicht so haben, immerhin seien wir doch beide Profis, oder?
Das sehe ich nicht so, sage ich trotzig und starre in die gleißende, kühle Peiner Nacht. Nach einer Weile feindseligen Schweigens frage ich:
Welcher Autor hat Sie am stärksten geprägt?
Er zögert keine Sekunde: Der Manufactum-Katalog.
Ich hab mich schon gewundert, sage ich, denn dieser Abschnitt über „disportare“ in „Tita Nick“ kam mir ziemlich bekannt vor! Das hab ich nämlich im letzten Manufactum-Katalog gelesen! Jetzt fällt’s mir wieder ein!
Stimmt exakt, gibt der Dramaturg zu. Und hustet.