ICE 910 Rainer Maria Rilke
Juli 14th, 2009 § 1 Kommentar
Können Sie sich Rilke online vorstellen? Den “Malte Laurids Brigge” als Blog? Von der Form her wäre das ja denkbar; es gibt kurze Kapitel, sehr gegenwartsnah, gewissermaßen aquarellfrisch, direkt von der Staffelei genommen. Aber es wäre doch absurd, absolut absurd! Denn der “Malte Laurids Brigge” stellt ja ein Tasten da, ein verzweifeltes sich Hinneigen zu einem Eigenen, das geboren sein will, aber den Geburtsschmerz fürchtet und die Explosion des dunklen Lichts, aus dem unsere Welt gemacht ist.
In der Blogosphäre knallt immer alles mit der Dreistigkeit eines Prahlhans’ herein, falstaffisch und breitbeinig bramabarsierend. Von Weitem schon hört man den Schlachtengesang durch die Korridore, bevor man den Text anklickt.
Wenn ein Blog-Text beginnt, ist alles immer schon vorbei, Geschichte von gestern Abend. Blog ist von seiner Natur her Klatsch, ganz gleich, was seine Ideologie sein mag, sein erklärtes Ziel. Der Blog schreibt das Gestern zurecht, während Rilke sich bemüht, ein Morgen herbeizuschreiben. Und während Rilkes Texte darum etwas Flehendes haben, etwas von einem verzagten Gebet, ist Bloggen immer Eroberung, Gestus voller Conquistadoren-Herrlichkeit. Im Blog muss man forsch zupacken, sonst ist der Leser weg! Das hat uns die Pop-Journaille mit ihrer halbironischen, mehrheitlich aber zynischen Gewieftheit eingebrockt. Ich nenne keine Namen. Aber in diesem Stil schreiben kann heute jeder, kann dem Leser die Dinge hinknallen, vor den Latz knallen, wie man sagt.
Die Formel 1 des schlechten Stils.
Stellen Sie sich nur mal vor, Rilke hätte es mit einem dieser typischen gemeinen, feigen, sniperhaften Kommentare zu tun, wie sie in der Blogosphäre immer wieder abgegeben werden, aus dem Handgelenk, im Vorbeiwischen — unelegante, oft grammatikalisch und orthographisch bedenkliche Schriftspuren, die nur darauf abzielen, unerkannt zu verletzen. Ein Psychopath in der Menge, der jemandem, einem Herrn mit Melone, wie aus einem Gemälde von René Magritte, mit einem kurzen, dicken Messer in den Nacken sticht und dann in der Anonymität abtaucht.
Für Rilke wäre das nichts.
Wie die Blogo-Schrift sich draufwirft auf den Schnellzug der Zeit — und schon das Bild des “Schnellzugs” ist ja tiefste Vergangenheit, Plusquamperfekt. Das kann man heute einem Kind ja gar nicht mehr beibringen, wie LANGSAM in Wahrheit D-Züge damals waren, in den Siebzigern und Achtzigern! Und dabei hieß es immer: “Wie ein D-Zug”, wenn man sagen wollte: “wahnsinnig schnell”. Heute fetzt der ICE die Strecke München-Hamburg in sechs Stunden runter. Früher hätte man am Telefon gesagt: “Übermorgen bin ich da; ich leg noch einen Zwischenstopp in Göttingen ein!” Sehr gern hätte ich die Siebziger und Achtziger in so einem ICE durchquert, ratzfatz, morgens in den Zug steigen und abends ankommen. Aber ich steckte in einem D-Zug fest, der schwankend und kreischend durch die Lande ruckelte.
“In der Blogosphäre knallt immer alles mit der Dreistigkeit eines Prahlhans’ herein, falstaffisch und breitbeinig bramabarsierend. Von Weitem schon hört man den Schlachtengesang durch die Korridore, bevor man den Text anklickt.” Wow. Das sitzt. Ganz großes Kino. Standing ovations!