Der Blogozentriker: Gründe für seinen Niedergang (3)
Juli 15th, 2009 § 2 Kommentare
Ein sehr nachdenklicher, skeptischer Artikel eines gewissen Willyam bringt mich zurück zu dem mich eigentlich, abseits von dieser ganzen Bob-und-Georg-Scheiße, Umtreibenden. Und zwar zu der Feststellung, dass wir — wir Europäer, wir toten weißen Männer, oder wie man uns Abendlandozentriker nennen will — es in unserer Haut, in unserem Heute nicht mehr aushalten. Wir reden andauernd von der Zukunft, gern auch im warnenden Tonfall von: “Wenn wir heute nicht aufpassen, haben wir das Übermorgen morgen verspielt!” Aber wir bekommen die Gegenwart, den Moment nicht in den Griff, und das scheint mir das eigentliche Problem zu sein.
Vielleicht, wage ich zu spekulieren, verhunzen wir unsere Umwelt auch nur aus dem einzigen Grunde, dass sie in uns eine unerträgliche Aggression erweckt? Wir wollen der Natur ihr schönes, mütterlich strahlendes Gesicht einschlagen? Wir sind diese giftigen Zwerge, die bei Heine am Jüngsten Tage aus der Erde herauskriechen, auf Leitern, um die Erde, diese blendende ewige Jungfrau, zu schänden. Wir sollen ihre Schönheit und Frische, diesen Abglanz eines himmlischen besseren Ortes, genießen — und wir vermögen es nicht. Wir bringen es einfach nicht zustande, um’s Verrecken nicht. Der Tag, das Jetzt entwischt uns. Und wieder. Und wieder!
Klar, wir freuen uns, wenn wir eine Flatrate zu 24,90 Euro statt zu 29,90 Euro ergattert haben. Das ist für uns: Carpe diem, pflücke, ergreife den Tag! Wir sind “begeistert”, wenn wir eine Sonnenbank zum absoluten Schleuderpreis in unser Wohnzimmer stellen können. Aber die echte Sonne, als Beleuchtung der Agora, halten wir nicht aus. Sie macht uns Angst. Und warum? Weil wir längst keine Öffentlichkeit mehr aushalten. Wir sind Zellen geworden, Autisten, Monaden — die alten Griechen nannten leidenschaftliche Selbstpfleger wie uns “Idioten”. Der Bildschirm verbindet uns als Community — aber der Bildschirm ist nur ein blinder Spiegel! So lese ich heute z. B. den Artikel von Willyam ganz anders als noch vor wenigen Tagen. Mein Blick fällt heute durch diesen dunklen Spiegel hindurch, und schemenhaft nehme ich dort, in einem Jenseits des Sinns, die Konturen eines besorgten, der Verzweiflung nicht abholden Geistes wahr. Das war vor einigen Tagen noch nicht der Fall; was ich da sah, war Eitelkeit, akademisches Gespreize, ein Wirbelwind von Staub und Kot (oder wie es bei Goethe heißt (“Westöstlicher Divan”)).
Tatsächlich stellt Eurozentrismuskritik nicht selten schlicht die Fortsetzung des Eurozentrismus mit anderen Mitteln dar. Nabelschau. Vollkommen steuerungslose Industrienationen sind allen Ernstes der Ansicht, es käme nur auf sie an in einem Zeitalter, in dem Massenvernichtungswaffen alltägliche Realität sind. Schon dieser narzisstische Größenwahn, der sich im Unterschreiben all dieser Papiere verbirgt! Wenn 9/11 eine Lektion bereithielt, dann doch eigentlich die, dass es vorbei wäre mit der totalen Herrschaft des Westens. Unsere Verwundbarkeit wurde offengelegt; die Wunde aber hat sich geschlossen, wie’s aussieht.
Für genauso gestört halte ich all diese inzwischen vermutlich dekonstruktivistisch inspirierten Versuche, die Probleme in den Griff zu bekommen, indem man an der Sprache herumlaboriert. Unbestritten, in den Verrenkungen der Sprache zeigt sich oftmals die bare Not. Die Sprache ist ein Spiegel der Seele! Und trotzdem kommt es mir seltsam vor, dass unser Verhalten dadurch sollte geändert werden können, dass wir gewisse Worte nicht mehr verwenden! Hat nicht sogar Marx festgestellt, das Sein bestimme das Bewusstsein? Müssten wir also nicht am Sein ansetzen? Um ein Problem nur anzutippen: Selbstverständlich ist die Frau historisch ein unterdrücktes Wesen. Aber mal weitergefragt: Ist nicht auch der Mann historisch ein unterdrücktes Wesen? War Kriegsdienst ein Spaß? Vom Landesherrn nach Übersee verkauft zu werden, einfach so, war das eine erstrebenswerte Karriere?
Und heute? Heißt “Gleichberechtigung” nicht immer noch allzu oft nur: gleichermaßen unterdrückt, entfremdet, der Entfaltungsmöglichkeiten beraubt? Männlein und Weiblein vereint in Ratlosigkeit, Furcht und Zittern? Aber daran will keiner arbeiten; man kann’s ja auch verstehen. Wo ansetzen? Wenn ich mich selbst unterdrücke, wie Foucault uns nahelegte — wie tief muss ich in mich hineingraben, um irgendwo den Hebel der Veränderung ansetzen zu können? Dann doch lieber Obama zuwinken! Oder eben die hässlichen Wörter “Mann” und “Frau” durch, was weiß ich, “Mensch” ersetzen, als wäre ein Mensch etwas Gutes!
Vielleicht läuft meine Besorgnis auf diese Beobachtung hinaus: Die Schuld wird immer nur umverteilt, anstatt dass endlich mal jemand sie annimmt. Dann wäre der Moment da, wo man sagen könnte: Jetzt können wir WIRKLICH etwas ändern, anstatt immer nur mehr desselben Geschwätzes zu produzieren.
Und dieser Jemand, das müsstest wohl Du sein, mein heuchlerischer Leser, mein Ebenbild, mein — BRUDER!
Oder Jesus.
Furcht? Zittern? Ich weiß nicht. Ich würde eher – und da kämen wir auf eine ältere Diskussion zurück – von grundlegenster Entfremdung sprechen: Ich weiß schlicht und ergreifend nicht, wie ich für diese bald aufs Verrecken zusteuernde Gesellschaft irgendetwas tun kann. Und irgendwann kommt vor lauter wie-Fragen auch das motivierende “Warum?” abhanden. Ganz langsam stellt sich ein Unbehagen ein, ein Frust, das Gefühl, es – sicher doch! – gut zu haben, aber unverdient gut. Aber versuch das mal jemandem klar zu machen. Versuch doch jemanden für etwas zu verantworten, das sich ihm nicht unmittelbar sicht- oder greifbar zeigt. Verantwortung ist doch synonym mit Knechtschaft, scheint mir die Denke zu sein.
Je mehr Fragen, desto nackter steht die Welt vor Einem. Dumm nur, dass sie Dich gleich mit entblößt, Dir jeglichen Sinn raubt. Nach wohin bleibt der Ausstieg?