Das Hiroshima der Antike
Juli 16th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Sicher, das las sich ja auch erst mal nicht übel. Der Bursche hatte sein Handwerk gelernt. Aber wie ich dann auf den Passus stieß, wo er sich an einem Seitenhieb gegen die große kanadische Short-Story-Autorin Alice Munro dafür, dass sie angeblich den Film „Hiroshima, mon amour“ nicht verstanden habe, hinüberhangelte zu Ahmadinedschad und dann, vollends das Register wechselnd, anfing, in den allergeschwollensten Ausdrücken von Tommy Schnells Vater zu reden, und dass dieser, ein „guter Kamerad“, immer nur von „Kameltreibern“ gesprochen habe, wenn er Araber meinte, mit einem grollenden, aggressiven Unterton, oder gar von „Ziegenfickern“ …
- Ihnen ist klar, Bob, dass Ahmadinedschad ein Iraner, sprich: Perser ist, und also mit den Arabern rein gar nichts zu tun hat, rassenmäßig? Und dass ich nur anständige Zeitschriften herausbringe?
Das sagte ich zu meinem Senior-Texter, nachdem ich, in einer beinahe – aber nur beinahe – zornigen Aufwallung, nach dem Telefonhörer gegriffen hatte. Text-Abteilung, hatte ich geschrieen, zum Rapport, ihr verfickten Fucker, und zwar sofort!
Bobs Gesicht wurde von einer Zuckung auseinandergeschoben, als er jetzt meine Worte vernahm. Es war gleichzeitig ein Erschrecken, ein Grinsen, ein Heulen, ein Aufschrei, ein Erröten und ein Erbleichen. (Ich habe sicher ein paar Dutzend Gemütsregungen aufzuzählen vergessen, und überdies sind mir mit großer Wahrscheinlichkeit noch viele weitere entgangen.)
- Das, nein, gluckste er, das war mir nicht bekannt.
- Is aber so.
Ich warf den Ausdruck seines Artikels, an dessen Rand noch die Tinte meiner Anmerkungen trocknete, auf den Schreibtisch. Ich hatte sauber recherchiert und wusste darum, wie viel dieses atlantikkreuzerkapitänskajütenmäßige Ding gekostet hatte. Allein das Holz hatte einen Materialwert von mehreren Tausend Dollar. Mit der Handfläche wischte ich ein Staubpartikel, das mir aufgefallen war, von der Schreibfläche. Und ich dachte, wie so oft: Wow! Ich hatte es offenbar echt geschafft!
- Nebenbei. Was soll diese Scheiße mit Alice Munro? fragte ich, nonchalant die Kappe meines Montblancs auf den Schaft schraubend. Inwiefern soll die diesen französischen Film nicht richtig verstanden haben?
Meist frage ich Dinge, nur weil ich weiß, dass sie von mir erwartet werden, oder weil ich denke, damit punkten zu können oder bei jemandem einen neuralgischen Punkt zu erwischen. In diesem Fall aber interessierte es mich wirklich. Ich mochte Alice Munro.
Bob fingerte sich am Hemdkragen herum. Es war wahnsinnig heiß in meinem Büro, stimmt, Hochsommerhitze, aber mein Ventilator düste brummend herum und wirbelte die Seiten von seinem Artikel auf die Auslegeware.
- Ich bin da unlängst, als ich nicht schlafen konnte, frühmorgens, es dämmerte schon. Da bin ich durch Zufall auf eine Kurzgeschichte gestoßen, und darin kommt, auf eine Art und Weise, die ich nicht tolerieren kann, ganz am Anfang.
Ich hatte mich vorgebeugt, um Bob besser verstehen zu können, denn er sprach verdammt leise. Jetzt aber kam gar nichts mehr. Eine ganze Weile wartete ich, dass Bob seinen Satz fortsetzte; aber er schien entschlossen, mit einer Grimasse völliger Blödsinnigkeit auf dem Gesicht den Rest des Tages dort in meinem Besucher-face2buns zu verbringen.
- Aber ganz am Anfang? wiederholte ich seine letzten Worte, um ihm auf die Sprünge zu helfen.
Er sah auf, als hätte ich ihn aus einer Trance geweckt.
- Ganz am Anfang?
- Sie sagten: Ganz am Anfang?
- Das sagte ich?
- Ja, Bob.
- Und was war da, ganz am Anfang?
- Ja, Bob, das, dachte ich, würden Sie mir sagen?
- Ich habe absolut keine Ahnung.
- Bob.
Ich sprang auf. Verarscht zu werden, ist ab und an ganz schön, vor allem, wenn es in den eigenen vier Wänden passiert. Aber ich will Ihnen einen guten Rat geben: Lassen Sie sich nie – nie – von Ihren eigenen Mitarbeitern verarschen! Sich von Untergebenen verarschen zu lassen, denen Sie einen Batzen Geld dafür bezahlen, dass sie devot sind und Nachsicht mit Ihren Marotten üben, ist keine gute Idee, zu keinem Zeitpunkt, unter keinen Umständen, mit einem Wort: nie! Ich wiederhole das gerne für Sie noch einmal: niemals!
- Okay, Bob, sagte ich. Ich war beherrscht, aber doch geladen, das merkte man. Ich war eine Bombe, die kurz vor der Explosion stand. TNT. Nitroglyzerin. Machen Sie keinen Fehler, Mister! Behalten Sie lieber die Hände oben! Diese Art von Moment war es. Ich packte mit beiden Händen meinen Gürtel und zog die Hose hoch.
- Bob, um eines klarzustellen. Ich finde es vollkommen in Ordnung, dass Sie von der „nuklearen Gefahr“ schreiben, die uns von dem „Irren im Iran“ und von dem „Psychopathen von Pjöngjang“ droht. Ich bin da ganz bei Ihnen. Da gehe ich mit. Und auch, dass Sie einen historischen Vergleich mit den Atombombenabwürfen von 1945 in Japan ziehen, finde ich nicht nur okay. Ich finde es gut, ja, hervorragend! Aber dass Sie Alice Munro, die große kanadische Short-Story-Autorin, da mit hineinziehen … das begreife ich einfach nicht, das übersteigt meinen Horizont. Und, fügte ich wehleidig hinzu, ganz ehrlich, Bob — es enttäuscht mich auch menschlich, dass Sie das tun!
- Na ja, Scheiße. Bob knirschte mit den Zähnen, dass es sogar mir wehtat – und ich stand zwei Meter entfernt. Ich wollte ja eigentlich etwas über Pompeji schreiben!
- Das ist aber ordentlich in die Hose gegangen, meinte ich lapidar.