Kunst kommt von Kontext
Juli 17th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Für die ollen Griechen waren Technik und Kunst (techné) dasselbe. Und genauso sehen wir es auch. Unsere Überzeugung ist, dass Kunst provozieren, uns aus den alten abgefahrenen Gleisen kippen soll. Das ist der Grund, weshalb der Audi TT als glänzende Emanation des Phallozentrismus daherkommt, geformt wie von Phidias höchstpersönlich. Geschmeidig, projektilartig, unaufhaltsam. Wie man es von einem anständigen Phallus erwartet. Den Phallus zu gebrauchen, ist eine Kunst. Aber es ist auch eine Technik. Denn man kann diese Kunst erlernen. Der Gebrauch des Phallus ist nicht kontextabhängig, darum überwiegt der technische Anteil vielleicht vor dem inspirativen; jeder, der schon mal eine hässliche Maus gebumst hat und sich dabei total auf seine Fickerfahrung und den Film in seinem Kopf verließ, weiß, was wir meinen. Zugleich ist der Phallus Fleischwerdung des Fortschritts. Denn der Phallus zeigt immer nach vorn. Sein Bestreben ist stets, höher zu kommen, länger sich zu strecken, weiter zu schleudern.
- Okay, sagte Bert “Big” Bruder, und das ist euer Vorschlag für die Anzeige für den Audi TT?
- Ja, sagte Georg mit einem Freudestrahlen im Gesicht, das von Eos, der Morgenröte, mit weichem Wattebausch aufgetupft schien.
Bruder massierte sein Kinn mit der rechten Hand, seinen Blick in den Textvorschlag bohrend. Dabei klopfte er mit dem Stumpf seines Edson Diamond Black auf die Massivholzplatte seines Schreibtisches.
- Ich find’s nicht übel, murmelte er nach einer Weile. Aber es ist zu lang?
Mit fragender Betonung, mit fragendem Blick zu Bob.
Bob zuckte die Schultern.
- Audi ist da doch nicht so. Hauptsache, die Faszination für Technik kommt rüber.
- Ich weiß nur nicht, sagte “Big” Bruder achselzuckend, ob die Blahnik beim “Phallus” mitspielt.
- Isidora Blahnik?
Georg erbleichte.
- Warum?
- Die ist jetzt bei Audi?
- Ja. Als Beraterin. Was ist denn mit der?
- Ach. Nichts.
Der Boss klopfte weiter den Takt mit seinem Schreibgerät, während er überlegte. Das zeitgenössische Prestige des intensiven, transparent metallischen Schwarz und die Seltenheit edlen Platins vereinigten sich in der Faszination reinster Ästhetik, dachte Georg nicht ohne Neid, den Bewegungen von Bruders Hand konzentriert folgend. Eine elegant gefertigte, nachdrückliche Interpretation des für Waterman typischen Clips umschlang den Schaft in vollendeter Symmetrie zur Feder. Endlose Zuverlässigkeit und einzigartige Form verwandelten die bemerkenswerte Feder aus massivem 18-Karat-Gold in ein Wunderwerk des Designs und der Technologie.
- Das andere Problem ist die Headline, sagte Bruder endlich.
- Aha?
Georg und Bob beugten sich unisono vor, mit langen, fragenden, dankbaren Gesichtern.
- “Kunst kommt von Kontext”, las Bert “Big” Bruder noch einmal vor, sehr langsam, gedehnt, jede Silbe ausstellend. Ich meine, das klingt nicht übel. Aber wo ist da die Idee? Ich seh da die Idee nicht?