Rimbaud war der bessere Nietzsche!

Juli 17th, 2009 § 7 Kommentare

Nietzsche ist den Deutschen ans Herz gewachsen, wie er den französischen Philosophen ans Herz gewachsen ist, Zertrümmerungsdarsteller, der er war. Ich glaube, was Derrida und Foucault und Deleuze an unserem geistesgestörten Friedrich gefällt, ist, dass sein Wahnsinn so professoral war, monoman belehrend. Friedrich Nietzsche war eine Rampensau, drängelte sich ständig auf den Schoß des Zuschauers. Seine Exzesse waren Spaziergänge, und das spricht eine bestimmte Sorte von Geistern an. Rimbaud hingegen ist ganz ruhig, sitzt in der Ecke und raucht Haschisch, liefert sich ganz aus, denn er kann nicht anders. Darum ist er ganz unaufgeregt. ER SPIELT EINE ROLLE, DIE IHM DIE STERNE DIKTIEREN. Nietzsche hingegen hat sich seine Rolle selbst geschrieben und mit allergrößter rhetorischer Hingabe ausgefüllt. Er ist übermotiviert, denn er weiß, dass er sich ins Register der unsterblichen Sterblichen eintragen muss, sonst war alles umsonst, und deswegen spritzt so oft der Geifer. An ihm ist eine Komponente von Unaufrichtigkeit nicht zu übersehen.

Ich habe gestern in Arthur Rimbauds Gesammelten Werken geschmökert, in der zweisprachigen Ausgabe vom Insel Verlag, Sigmar Löffler heißt der Übersetzer, und ich muss sagen, kein Mensch kapiert, wo dieser Rimbaud herkam. Das ist die totale schriftstellerische Reinheit. Seine “Illuminationen” sind absolut phänomenal, das ist die größte Dichtung, die man noch ERLEBEN kann (viel Dichtung ist heutzutage ja längst tot, auch wenn sie einst sehr hochwertig gewesen sein mag). Das ganze 20. Jahrhundert ist plötzlich einfach da, während man Rimbaud liest, die Surrealisten, Valéry, Breton. Das ist Zeitgenossenschaft — eher, finde ich, als all diese Stipendiumslyrikerinnen, die in Sammelbändchen von Reclam aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts vereinigt werden! Die sind eher Zeitgenossinnen der Goethezeit.

Rimbaud war wirklich vom Himmel gefallen. (Ich wähle das Plusquamperfekt, da er definitiv eine Apotheose erlebt hat; wie ein Yoyo kam er herab, touchierte den Boden und verschwand wieder. Vielleicht kehrt er alle 152 Jahre wieder?) Mit 36 Jahren war er bekanntlich schon tot, an Kniekrebs gestorben, als Ex-Waffenhändler, in, so stelle ich es mir vor, einer Art von stummem Trotz und endgültiger Verbitterung über die Möglichkeiten dieser Welt. Ich gebe freimütig zu, dass das Pittoreske seiner Vita mich immer angezogen hat, es verbriefte die Ernsthaftigkeit des notorischen: “Denn Ich ist ein anderer”! Dagegen hat Nietzsches Wertedekonstruktion für mich etwas unendlich Geplantes. In jedem seiner Gedanken merkt man den Schmerz, den es ihm bereitet hat, auf seine ordentliche Basler Philologenlaufbahn zu verzichten! Und man spürt die Freude heraus, mit der er der deutschen — seiner — Systematik die unbändige Aphorismen-Lust entgegenstellt, die, und natürlich ist er ein Genie, Ewigkeit will, tiefe, tiefe, Ewigkeit. Kein Wunder, dass man aus Nietzsche dann auch flugs wieder einen Klassiker gemacht hat.

Aber das ist natürlich nur meine Meinung.

Tagged:, , , , , , ,

§ 7 Antworten auf Rimbaud war der bessere Nietzsche!

  • Marie sagt:

    “Nietzsche hingegen hat sich seine Rolle selbst geschrieben und mit allergrößter rhetorischer Hingabe ausgefüllt. Er ist übermotiviert, denn er weiß, dass er sich ins Register der unsterblichen Sterblichen eintragen muss, sonst war alles umsonst, und deswegen spritzt so oft der Geifer. An ihm ist eine Komponente von Unaufrichtigkeit nicht zu übersehen.”
    Wenn man sich diesen Blog so ansieht, könnte man auf die ketzerische Idee kommen, der Blogozentriker beschreibe mit der zitierten Passage weniger Nietzsche als vielmehr sich selbst.

  • Blogozentriker sagt:

    Liebe Marie,

    ich merke, Du willst dem Blogozentriker ans Bein pinkeln; so eine bist Du. Aber wisse, dass eine Frau so etwas nur mit viel, viel Mühe und mit wenig, sehr wenig Eleganz tun kann! Von der Akrobatik einmal abgesehen, ist es auch sehr undamenhaft … Für einen Mann ist es einfacher.
    Wenn Du Dir die Schriften aller Schreibenden zu allen Zeiten ansiehst, die keine Journalisten waren — und vielleicht gilt es sogar auch für diese, doch ich habe sie aufgegeben –, dann wirst Du entdecken, dass Deine oberschlaue Entdeckung sich sehr weit generalisieren lässt.
    Mit dem Stift meißelt man, und man meißelt immer in die Gebeine seiner Gegner! Noch der Sanfteste ist ein Raubtier, schönes Kind.

    Tut mir leid, dass Dein Pissestrahl nur Deinen frühlingshaft bunten Rock erwischt hat!

    Trotzdem wünscht Dir ein schönes Wochenende

    Dein Blogozentriker

  • phorkyas sagt:

    Aber Blogo! Hättst du diese offensichtliche Retourkutsche nicht souveräner, nicht-fäkal retournieren können? Aber wer die Rampensau herausfordert, bekommt sie auch?

    Is’ doch Frühling, Bienchen und Blümchen, da könnt man doch mit dem Goethe singen:
    Uf d’ Wiese
    bin i gange,
    lugt i Summer-
    vögle a;
    hänt gesoge,
    hänt gefloge,
    gar z’ schön hänt es
    gethan.

    Und da kummt nu
    die Marie
    und da zeig i
    er froh,
    wie sie’s mache,
    und mer lache
    und mache’s
    au so.
    _____________________
    Was den Rimbaud anbelangt, so hat der mich leider bisher kalt gelassen. Nach der Lektüre von Hugo Friedrichs “Struktur der modernen Lyrik” da brannte ich darauf, diese neuen, ichlosen Stimmen zu hören. Mallarme und Rimbaud angefangen. Und nix. – Vielleicht hab ich zur Lyrik auch einfach ganz den Draht verloren. – Jim Morrison wollt ich aber auch noch eine Chance geben, vielleicht war der ja der bessere Nietzsche.

    (Von Nietzsche hab ich bisher nur in der Transsib liegend den Zarathrustra gelesen – der hat mich ein bisschen genervt, weil das Thema; wer nur dem Meister folgt und nicht selbst denkt ein dummer Untermensch ist – wie all das Geschmeiß, dass sich an die Sklavenmoral der Kirche klammert usw. – weil das nach drei Seiten schon so klar ist, dass ich mich fragte, warum er das jetzt auf dreihundert auswalzen muss..)

  • blogozentriker sagt:

    Lieber Phorky,

    ganz recht, ja, da hätte man souveräner reagieren müssen. Letztlich spricht so ein Kommentar ja nur für die Blödheit des Kommentierenden, der zwar den Balken im Auge des Blogozentrikers wahrnimmt, jedoch nicht den Stahlträger im eigenen! (Irgendwie glaub ich nicht, dass es eine Frau war; das ist doch männlich gedacht.) Überhaupt muss jeder von uns sich in solch eine Rolle hineinhypnotisieren, sich hochsteigern, hineinlügen und -quälen. Alles andere zu denken – die naturgemäße Bestimmung, der Platz in der Welt, den uns unsere eigene Entspanntheit zugewiesen hat – das ist doch Quatsch.

  • phorkyas sagt:

    Na, vielleicht sollte umgekehrt ich meine Harmoniegelüste auch mal in die Tonne kloppen und mich meiner teuflichen Provenienz entsinnen..

    sich hochsteigern, hineinlügen und -quälen – das klingt schön nietzeanisch/rimbaudsch. Sollte ich Erbsenzähler und Bleiwüstenersteller vielleicht auch mal wieder beherzigen… aber ich hab ja drüben nicht mal Beinpisser(innen).
    sagt:
    Your Neighborhood Spaceman
    (http://www.youtube.com/watch?v=r7b-U5wSEfk )

  • blogozentriker sagt:

    Gut, Phorky, Du scheinst eher einer zu sein, der sich runtersteigert, sich abwärts quält, der sich selber in die Tonne drischt und sich dann noch einen Tritt verpasst und hinterdrein spuckt. Auch das ist ja aber eine Zurechtbiegung, eine Stilisierung. Halt als “Der Typ, der keine Beinpisser sein eigen nennt”, als “Erbsenzähler” und “Bleiwüstenersteller”. Was ist das, wenn nicht ebenfalls eine Pose – wenn auch auf den ersten Blick sicher keine sehr attraktive … Vergiss aber nicht, dass sowohl Nietzsche als auch Rimbaud mit ihrem Vorhaben, “ein anderer” zu werden, gescheitert sind. Der eine wurde verrückt und von der eigenen Schwester als Denk-Mumie ausgestellt, der andere starb früh am Krebs der poetischen Verzweiflung, nach einer Auszeit als Waffenhändler.

  • phorkyas sagt:

    Natürlich ist das Pose und Stilisierung – eine feige noch dazu, denn ist ja klar, dass ich nicht mit einem Heer an Steuerberatern und Sparkassenangestellten zurückkehre, die in ihrer Alltags-Eremitage die Prosa und Kunst stemmen, um die Kunsthallen und Köpfe der Zukunkt zu befüllen. Wenn man sich schon als Gescheiterter stilisiert ist der Weg nach unten nicht mehr so weit. (Wahrscheinlich bleiben die Beinpisser deswegen auch aus. Wer will schon jemanden bepissen, der so niedrig steht, dessen Bein womöglich schon besudelt ist – denn das ist wahrscheinlich der Beinpisserstolz: auch wenn es der alleroffensichtlichste Einwurf, eine Beleididung oder sonstwas, die schon ausgesprochen, so will man doch eine digitale Duftmarke hinterlassen, die noch die Individualität des Markierenden tragen soll — dabei sind wir doch nie reproduzierbarer als jetzt: wenn wir Pseudo-Theorie-bewaffnet in den digitalen Kampfraum prechen..)
    Dass der Herr R. und N. scheiterten ist doch so klar wie Kloßbrühe (immerhin nicht im Club der 27) – Hauptsache sie stemmten dabei etwas empor, oder zumindest wir in unserer Imagination, so dass für uns ein weiterer Symbolschatz zur Plünderung bleibt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Rimbaud war der bessere Nietzsche! at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.