In unserer Gesellschaft, behauptet der Linzer Philosoph Robert Pfaller, ersetze Narzissmus nach und nach die Fähigkeit zum Genießen. Früher habe es noch Spaß gemacht, eine Zigarette zum Glas Wein zu rauchen, das sei ein mondäner Akt gewesen mit hohem Glamourfaktor – heute käme eine solche Selbst-Inszenierung einem Kapitalverbrechen gleich, von den gesundheitlichen Aspekten des Rauchens einmal ganz abgesehen … und dann am Ende noch ohne Filter!? Und dann noch auf den Boden aschen?
Oder die Lust an der Übertreibung. Wer habe denn früher nicht extra dick aufgetragen, wenn es etwas zu erzählen gab? Heute hingegen? Nüchternste Tatsachen-Prosa, Fakt 1, Fakt 2, Fakt 3, meist noch unterstützt durch farblose Handy-Bilder, die eigens zum Zwecke der Beweisführung aufgenommen wurden! Auch im Fernsehen, erzählte Pfaller der SZ, das sei ja heute alles scheiße, dieses Programm. Zu seiner Zeit habe der ORF sich auch mal den Luxus einer Open-End-Sendung geleistet. Da fühlte die Hausmeisterin dem Minister auf den Zahn, und wenn das länger dauerte, als die Programmplaner vorausgesehen hatten – ja, dann dauerte es eben länger, Scheiße noch eins! Da machte man doch dann nicht einfach mittendrin mit so einem kontroversen Gespräch Schluss, nur damit so eine Analphabetin einem erzählen konnte, wie das Wetter möglicherweise am morgigen Tage aussah! Das hatte alles noch Stil, noch Verve, Bravour, da war noch die große Geste, der weit ausholende Schwung.
Ich finde, dass Pfaller absolut recht hat. Ich sage das nicht, weil Fischer mich dafür bezahlte, dass ich die Verkaufszahlen von „Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft“ hochtreibe. Ich habe in meinem Leben noch keinen Cent vom Fischer Verlag in Frankfurt am Main kassiert – im Gegenteil. Nein, es ist einfach so, dass Pfaller wirklich ein hochgradig anregender und einfallsreicher Interpret der ganz alltäglichen Dinge und Momente ist. Allein was er über den Intellektuellen am Kopiergerät zu sagen hat, ist die knapp 13 Euro wert, die sein Taschenbüchlein kostet. Denn wer sonst erklärt Ihnen stichhaltig, anhand von Spinoza, Sennett und Althusser, dass letzten Endes der Kopierer es ist, der dem Akademiker seine Texte liest? Nach welcher Outsourcing-Arbeit die Buchstabe für Buchstabe duplizierten hochwichtigen Standardwerke nur noch fein säuberlich abgeheftet werden müssen im heimischen Regal … und wieder einen Meilenstein der Literaturgeschichte geschafft!
Sie müssen allerdings aufpassen. (An dieser Formulierung erkennen Sie den routinierten Buchtippgeber!) Wenn Sie sich nämlich in Ihrer Begeisterung vom selben Autor auch noch die „Ästhetik der Interpassivität“ (Philo) kaufen, laufen Sie Gefahr, jede These und jedes Beispiel zwei, drei Mal vorgesetzt zu bekommen. So ein alter Hase ist Pfaller dann doch noch nicht, dass er jedes Buch mit absolut frisch handgenähtem Material stopfen könnte. Das ist aber auch gar nicht nötig. Denn in „Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft“ sind genug Gedanken für ein halbes Jahr, mindestens. Bestellen tun Sie das Buch am besten gleich jetzt, und zwar hier!
Wenn ich das mal so etwas übermütig und ins Unscharfe hinein sagen darf, würde ich Robert Pfaller beschreiben als den deutschen Žižek – wäre es nicht offensichtlich, dass eine solche Formel zur Floskel schrumpft angesichts eines unüberbietbaren Originals wie Slavoj Žižek! Auch der Linzer liebt, wie der Denker aus Ljubljana, den Lacan’schen Begehrens-Parcour und das kleine Objekt a und andere Unschätzbarkeiten wie das unverkörperbare Begehren Phi. Und er liebt auch die Massenkultur, liebt es, diese zu erlösen aus dem Stande der Ungnade, in den sie direkt bei ihrer Geburt schon gefallen ist.
Gerade dass Pfaller sich als Connaisseur der Massenkultur positioniert, macht seine Einsichten natürlich unvergleichlich viel wertvoller als die der alten Recken aus den Restbeständen der Frankfurter Schule, von den Textexzessen der Dekonstruktivisten ganz zu schweigen! Ich weiß nicht, woran das liegt – es ist vermutlich so eine Marotte von mir –, aber ich finde es wohltuend, dass Pfaller seine Diskurse immer wieder zurückbiegt auf das Empfinden und die Wünsche der Menschen. Das mag eine naive Methode sein. Es ist womöglich gescheiter, man hält sich an die Buchstaben, dreht diese um, bildet Anagramme, kippt den Inhalt von Platon-Sätzen aus und versucht sich an neuen Kombinationen. Das mag sein. Ich aber werde ja auch nicht müde zu betonen, dass etwas nicht stimmt, wenn jemand dazu auffordert, durch Verzicht aufs Rauchen sein Leben noch um ein paar Jahrzehnte zu verlängern – sich damit aber nur um das Eingeständnis drückt, dass er von den ohnehin zur Verfügung stehenden keinen Gebrauch zu machen weiß! Auch eine Flucht nach vorn (in die Prokrastination) ist eine Flucht.
Hey,
Klingt ganz interessant aber tatsächlich finden sich diese Thesen genauso auch bei Zizek, ich habe leider vergessen wo genau. Zizek beschreibt das sehr schön mit Bill Clinton: Ich habe kein Marihuana geraucht (weil nicht eingeatmet) Ich hatte keinen Sex mit Monica Lewinsky (weil nur einen Blowjob von ihr)
- Es geht also immer um das Genießen „ohne das wirkliche Ding“ dahinter bzw. ohne jegliche Gefahr, also ein steriles Genießen.
Trifft natürlich schon zu. Interessant wäre es natürlich weiter zu erfahren, wieso genau es dazu kam.