Und die gezeichnete Stimme

Juli 24th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Text, das ist Entzug, Liebesentzug. Eine ferne, fremde, gesichtslose Stimme, die, keinen Widerspruch duldend, ihre Ansichten vorträgt, von oben herab. Der Denker aus dem Off — aber noch nicht mal das … sondern der Denker aus dem Schädelinneren, Platon aus dem Stammhirn, weit aus der Höhle unseres Bewusstseins tönend. Wo sollte Einspruch ansetzen? Die einzige Chance, dem Text nahezukommen, ist, sich ihm auszuliefern. Dämonisch.

Die Arbeit, die einer in seinen Stil investiert, entspricht wohl in etwa der Arbeit, die ein Sänger in die Ausbildung seiner Stimme steckt.

Schrift: die Zeichenstimme, die gezeichnete Stimme. Bestimmt meint Gottfried Benn das zumindest mit in seiner berühmten Prägung: “das gezeichnete Ich”. D. h. das aus seinem Stift herausgelaufene Ich. Das Tinten-Ich. Lyrik ist in erster Linie Zeichnung, bei aller Berufung auf Klang und Melodie, auf Rhythmik und und Tonfarbe. Was der Dichter tut, ist nicht singen, sondern kritzeln.

Das gezeichnete Ich: auch, natürlich, das malträtierte, deformierte, tätowierte Ich, das Zuchthaus- oder Bagno-Ich, versehen mit dem Knastologen-Branding.

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