Einen neuen Plan, Leipzig einzuäschern, in seiner zerrissenen Brust
Juli 29th, 2009 § 1 Kommentar
Ein aus Freiburg stammender Jurastudent zwingt die Obrigkeit seiner Heimatstadt in die Knie. Das stand heute in der Zeitung. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hat ein für eine Freiburger Partymeile erlassenes Alkoholverbot als ungesetzmäßig beurteilt. Der junge Mann wollte es sich nicht bieten lassen, dass man ihm als Bürger, der voraussichtlich irgendwann auch mal Steuern zahlen wird, das Trinken im sogenannten “Bermudadreieck” untersagte.
Was war wohl sein Motiv? fragt man sich. Trinkt er einfach gern Alkohol in der Öffentlichkeit, wie andere Bürger auch, die ihr Leben nicht so ganz auf die Reihe kriegen? Das wäre profan! Er ist natürlich ein staatsbürgerlicher Rebell, ein Mann, der sich seine Rechte nicht beschneiden lässt, ein Michael Kohlhaas. Anders als der Rosshändler Kohlhaas, von dem Kleist sagte, der sei “einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit” (nun, immerhin war er “Sohn eines Schulmeisters”), ist unser Mann allerdings Jurist.
Hm, wird er sich also gedacht haben, beim Nachsinnen über den Casus, 16 Prozent ist die alkoholinduzierte Kriminalität im Breisgauer Bermudadreieck zurückgegangen durch das Verbot, sagen die Statistiken? Das ist natürlich — ein Jurastudent lebt vom klugen Abwägen — ein starkes Argument GEGEN das Alkoholver- … Moment, nein. Natürlich FÜR das Alkoholverbot, nicht wahr? Denn, noch mal ganz kurz in uns gehen, wie war das: Kriminalität = nicht so gut; keine Kriminalität = viel besser … das fühlte sich zumindest vertraut an, irgendwie.
Ein Blick aus dem Fenster zeigte unserem Michael Alkoholhaas (wenn dieses Wortspiel erlaubt ist), dass es hinter den Butzenscheiben seiner Klause zu dunkeln begann. Endlich Zeit für die Kneipe! dachte es mit lautem Jubel in ihm, und er klappte seinen Kollegblock zu und pfefferte Stift und Lehrbuch in die Ecke. Den Überwachungsstaat umkrempeln würde er morgen. Jetzt hieß es erst mal: ab in die Verbindungskneipe, wo seine Brüder im Fleische schon sehnsüchtig mit den Bierhumpen auf den Tisch klopften, um ihr Tagewerk zu beginnen!
Den übermütig und hemmungslos Zechenden machte unser Michel im Verlaufe des Abends klar, sehr engagiert, beinahe geifernd, dass sein Gerechtigkeitsgefühl erschüttert sei. Er sei nicht gesonnen (“Ich denke ja nicht dran!”), sich seinen öffentlichkeitswirksamen Alkoholkonsumdrang von der Freiburger Stadtverwaltung (“Eh alles Linke!”) strangulieren zu lassen. Wenn der Staat versuche, dem Bürger seine Feierabend-Alcopops aus der Hand zu nehmen, dann sei es höchste Zeit für den Juristen, der ja immerhin der Gemeinheit, äh, Allgemeinheit verpflichtet sei, Widerstand zu leisten. Stichwort: Vorbildfunktion.
Die Kameraden grölten Zustimmung, auch wenn viele nicht so ganz begriffen, worum es im Einzelnen ging. Vorbildfunktion? Auch das Wort “Alcopops” löste skeptisches Stirnrunzeln bei einigen aus; neumodischer Kram, dachten sie wohl in ihren schweren Schädeln, am Ende auch so eine amerikanisch-jüdische Erfindung? Klar war jedoch: Alkohol = gut, Linke = geh weg!
Ein alter Herr, zufällig anwesend, Verbindungsmitglied, Notar, nobilitiert und notorisch erfolgreich, schrie, er werde dem jungen Umstürzler mit Rat und Tat zur Seite stehen, das wäre doch gelacht!
- Dem von Sozis unterwanderten Staat muss man ganz klar seine Grenzen aufzeigen! rief er in die Runde.
Die Antwort war ein begeistertes “Prost!”, und der alte Notar ging sehr zufrieden sein Wasser abschlagen.
Arbeitskreis kritischer Juristinnen und Juristen (akj) – alles linke-hassende Burschis, klar…
Neben der fehlenden – und sicher doch vernachlässigbaren – Prise Realität aber ein sehr amüsanter Text, muss ich zugeben.