Ich, Jedermann
Juli 30th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Daniel Kehlmann hat eine Rede in Salzburg gehalten, anlässlich der Festspiele. In dieser Rede attackierte er scharf das sogenannte „Regietheater“. Er tat das, wie er darlegte, weil die Regietheatermacher seinerzeit seinen Vater, einen gediegenen, würdigen Inszenierungspraktiker, einen „Diener des Textes“, über Nacht arbeitslos gemacht hätten. Plötzlich war damals nicht mehr geduldiges Abfotografieren der Verse gefragt, so muss man sich das vielleicht vorstellen, plötzlich verlangte das Publikum nach grellen, expressionistischen Interpretationen der altvertrauten Stoffe. Es sollte sich mal etwas moderne Gestik im Guckkasten zeigen, im Sinne von: Theater heute. Dem Vater von Daniel Kehlmann war das offensichtlich nicht geheuer, und er ließ sich aus seiner Position drängen. Kampflos? Oder in erbitterten Schlammschlachten? Dazu kein Wort.
Schon diese versuchte Rekonstruktion der Vorgänge im Gefolge – vermuten wir stark – der 68er-Selbstermächtigungen macht stutzig. Klar, als Allegorie ist das gut. Die rebellischen Ich-Zwerge, die sich dorthin drängen, wo doch eigentlich das Über-Ich, nämlich das Schrifttum, hingehört. Das ist ein starkes Bild. Der gefesselte Zeus, dem das revolutionäre Gebaren seiner Generationsgenossen an der Leber frisst, und der ihn bedrängende Prometheus des Regietheaters. Was nicht stimmt an diesem Bild, ist, dass im Mythos Prometheus unterliegt und an den Kaukasus geschmiedet wird … Was jedoch nicht die Frage beantwortet, wieso man ausgerechnet Daniel Kehlmann auserkoren hat, dem Regietheater eins überzuziehen? Ist „Die Vermessung der Welt“ jetzt auch auf dem Theater zu sehen?
Wie auch immer, jetzt hat Nicolas Stemann, als Elfriede-Jelinek-Kollaborateur ein ausgewiesener Vertreter des inkriminierten Regietheaters, in der SZ zum Gegenangriff geblasen. Zunächst mal bleibt der immer noch junge Regisseur gelassen. Er bleibt, so empfinde ich es, fürchterlich gelassen. Er hebt nur verwundert die Augenbrauen: „Regietheater? Du meine Güte. Wo haben Sie denn DIESEN Begriff ausgebuddelt, Herr Kehlmann? Ich hab damit nun WIRKLICH nichts am Hut!“ Stemann weist seinen Kontrahenten nobel auf die Naivitäten seiner Argumentation hin: „Wann wurden auf der Bühne das letzte Mal Spaghetti gegessen?“ Bei Stanislawski, oder? Und all dieses Körperflüssigkeiten-Ekel-Inszenierungsgehabe, das dem Salzburger Festredner ein Graus ist – geschenkt. Stemann lässt durchblicken, dass man sich in diesem Punkt einig sei. Das alles gebe es ja überdies nur in den polemischen Arsenalen des Feuilletons, als wirklichkeitsfremde Überzeichnung.
Insgesamt bleibt Stemann versöhnlich. Die benötigte Unerschütterlichkeit verleiht ihm die herausragende Stellung des deutschen Subventionstheaters im Ausland, in Russland beispielsweise, oder in Polen, wo man die hiesigen Bühnenarbeiten neidvoll bewundere (das englische Theatersystem mit seinen „well made plays“ müsse man mal ausnehmen). Was aus Stemann spricht, ist die subjektivierte Indifferenz, Indolenz und selbstgewisse Sattheit, die mich schon beim Erstkontakt mit dieser neuen Generation der unaufgeregten Theatermacher hochgradig irritierte. Ganz unhinterfragt bringen sie, um noch einmal metaphorisch zu sprechen, gegen eine Luhmann’sch ausdifferenzierte Komplikationswelt die Ich-Perspektive in Stellung: „Was MICH am HAMLET interessiert …“
Das einschlägige Wort hier ist „Mittellage“. Man strebt nicht nach ganz oben – vielleicht, weil man glaubt, schon dort zu sein. Man hat auch keine Sehnsucht nach einem Außen des Betriebes. Der einzige Kontakt zur Gesellschaft ist die Kritik derselben. Im Theater-Kosmos fühlt man sich sehr wohl. Vielleicht ist für diese mittellagige Grundstimmung das Eingeklemmtsein zwischen dem Reaktionismus der Stein-Zadek-Peymann-Generation und dem Reaktionismus der Danielkehlmänner verantwortlich? Das Problem mit Kritikern wie Daniel Kehlmann ist, dass ihnen das Theater letztlich komplett wurscht ist. Sie gehen halt lieber ins Kino, und das ist ja auch ihr gutes Recht; aber weil sie Geistesmenschen sind, müssen sie gute Argumente anführen für ihre Präferenzen. Sie machen sich zu diesem Zwecke ein urdeutsches Vorurteil dienstbar, demzufolge seine wirkliche Meinung nur entweder der Idiot äußert, der Dumme, oder das Genie.
Was Nicolas Stemanns Gestus verrät, ist, wie wichtig sich unsere Theatermacher nehmen. Sie sind von ihrer Bedeutung bis in die Zahnwurzeln durchdrungen – und stehen mit dieser Einschätzung tragisch allein. Wenn Stemann behauptet, es gebe ein Theaterpublikum, dann ist das, in demographischer Hinsicht, schlicht und einfach nicht wahr. Wahrscheinlich interessieren sich mehr Leute für Snooker als fürs deutsche Theater — jedenfalls ist diese Übertreibung wahr in Relation zu den Geldern, die in das riesige Subventionstheatersystem gepumpt werden. Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich argumentiere keinesfalls gegen die Subventionen! Ich möchte nur ein größeres Interesse der Theatermacher für ihr Publikum einklagen. U. a. gehörte dazu nach meinem Gefühl auch, dass man sich über die realen Dimensionen dieses Publikums Klarheit verschafft.
Das deutsche Theater hängt nämlich in der Luft. Das ist nicht weiter tragisch, denn das tat Theater schon immer. Tragisch ist nur, dass Leute wie Stemann darum nicht wissen. Sie meinen, mit ihrem Theater stünden sie ganz zentral mitten in der Gesellschaft. Das kommt, weil sie bei ihrer Tageszeitung, der SZ oder der FAZ, immer nur das Feuilleton lesen. Auf diese Lektüregewohnheiten ist auch zurückzuführen, dass Stemann rhetorisch versiert genug ist, gegen Kehlmann zu kontern – und dabei zu punkten. Kehlmann steht als ahnungsloser Keifer da. Gleichwohl verrät Stemanns Stil auch viel über sein spezifisches Talent. Nicht nur beruht dieses ganz stark auf einer absolut trügerischen Gelassenheit. Auch das Vermögen, seine eigene Arbeit, die Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek (zuletzt bei DIE KONTRAKTE DES KAUFMANNS), herauszustreichen, spielt bei Stemanns Erfolg eine große Rolle.
Er gehört nämlich zu einer Generation äußerst geschickter Selbstvermarkter, denen all die grundsätzlichen Debatten, die Kehlmann möglicherweise anstoßen wollte, vor allem darum gleichgültig sind, weil sie ganz genau wissen, dass in ihrer Branche unterm Strich nicht einmal die Auflage, sondern allein der nächste Auftrag zählt. Insofern lohnt, unter PR-Gesichtspunkten, schon der Aufwand, jetzt in der SZ einmal auf Daniel Kehlmann geantwortet zu haben. Beeindruckend finde ich, wie Nicolas Stemann sich aus der Affäre zieht. Elegant taucht er zwischen den beiden Fronten hindurch, zwischen der Skylla der Peymann-Stein-Zadek-Front und der Charybdis, auf der kassandraartige Sirenen à la Daniel Kehlmann sitzen …
Leider ist das Theater, das in einer schlimmen Legitimationskrise steckt (und indem er Theatermüdigkeit konstatiert, trifft Kehlmann den Nagel im Grunde ja voll auf den Kopf), in die Hände einer Bande von Werbe- und Marketingprofis geraten. Anstatt endlich inhaltlich loszulegen und das ganze marode Selbstbespiegelungssystem gründlich umzukrempeln, bleibt man bei subjektiven Befindlichkeitsansätzen stecken. Beschrieben werden immer nur Ausschnitte der Gesellschaft, und zwar jene, die das Regie-Ich umfasst. Herauskommt so ein lähmendes Unwohlfühltheater. Da wird kräftig mit der Moralkeule aus Plastik dazwischen gehauen! Nur – wo dazwischen eigentlich?
Interessanter als all diese fürs Erste unlösbaren Probleme ist aber eine andere Frage, nämlich die eigentliche Motivation des Festredners. Übermäßiges Engagement fürs Theater ist es ja offensichtlich nicht! Nein, Daniel Kehlmann handelte als Anwalt. Er sprang für seinen Vater in die Bresche. Dessen Karriere hätten die Linken auf dem Gewissen, die Steins, Peymanns und Zadeks, die Gesinnungsmafiosi im roten Hemd. Diese Dekonstruktivisten! Wir haben es oben gesagt, die Bilder, die von dieser Polemik aufgerührt werden, sind suggestiv. Aber sind sie stichhaltig? Der Verdacht kommt auf, ob Kehlmann seinen Vater nicht sehr viel weniger verteidigen als vorführen wollte. Er wollte seinem alten Herrn am Ende eins auswischen, denkt man, wollte dessen Mythos eines vom Bekenntnisterror Abgewürgten (mit dem der Sohn womöglich Jahrzehnte lang gequält worden war) gründlich sabotieren. Denn unvermeidlich, das musste Daniel Kehlmann klar sein, würde man nach den tatsächlichen Leistungen seines Vaters fragen. Bisher sprachen diese offenbar noch nicht für sich.