Neues Selbst-Vertrauen

August 3rd, 2009 § 2 Kommentare

Dem wirklichen Zustand unserer Welt kann nur noch ein Gedicht gerecht werden, scheint mir manchmal. Den Werbeclaim einer Eismarke auf der Seite des gelben Busses blitzschnell zu verzahnen mit dem gefährlich tief segelnden Schatten eines Vogelfluges über eine vom Stau verkeilte Kreuzung hinweg, und dabei das seltsam gewichtlose Gewicht eines MP3-Players in der Jackentasche und Eminem im Ohr, die Nähe der Neuen Pinakothek schon im Stoffwechsel – das ist nur in Lyrik möglich. Der Grund liegt in den Gesetzen des Marktes, die längst auch zu den Gesetzen unser aller Rezeption geworden sind. Ein Film, der seine poetischen Potentiale nach Kräften ausschöpfte, fände kein Publikum; als überdrehte Kunstübung würde er vermutlich abgelehnt, von einigen Kunststudenten abgesehen. Und ein Roman, der sich auf ein Kräftemessen oder eine Begegnung auf Augenhöhe mit den Möglichkeiten des Films einließe, wäre unlesbar. Das dünne Texteis gäbe alle paar Sekunden nach. Wir bekämen beim Lesen rasch kalte Füße.

Das einzige Publikum, das vor keiner Zumutung zurückschreckt, ja, geradezu nach Überanstrengungen verlangt, ist das lyrische. Man liest, könnte man definieren, Gedichte nur aus einem einzigen Grund: um an Grenzen geführt zu werden. Schon T. S. Eliots „Waste Land“ war seinerzeit ja eigentlich der Meilenstein der Moderne, ein uneinholbarer Master-Text, der für die Dichtung eine entscheidende Weichenstellung besorgte. Der „Ulysses“ z. B. war 1.000 Seiten Gedicht. Das war deutlich zu lang, selbst für eine Zeit, in der das Buch noch Leitmedium war.

Die einzige Gefahr, die ich hinsichtlich dieses Gegenwarts-Momentaufnahme-Gedichtes sehe, ist, dass Durs Grünbein sich anschickt, es zu schreiben. Es wird dann im Suhrkamp Verlag veröffentlicht, gestreckt zu einem 80-Seiten-Büchlein, Startschuss für eine neue Lyrik-Reihe, die herausgegeben wird von Durs Grünbein selbst, als erster Text, der nach dem Umzug von der Frankfurter Lindenstraße nach Berlin auf den Markt kommt. In der begleitenden Pressemitteilung wird erstaunliche sechs Mal das Wort „jetzt“ auftauchen, zweimal groß geschrieben.

Das alles klingt sicherlich hoffnungslos zahnlos-verkopft, es klingt alexandrinisch, und genau so ist es letztlich von mir auch gemeint. Unsere Gesellschaft ist alt geworden, sehr alt. Wer die Sprache nicht versteht, die der grassierende Jugendwahn in den Einkaufsstraßen mit seinen tarnfarbenen Soldatenhosen spricht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein hoffnungsloser Fall, dem man die Augen nicht einmal mit einer Zange öffnen kann; ich werde ihn aber trotzdem erst dann vollends aufgeben, wenn auch die rapiden Alterungsprozesse, von denen der zweitjüngste Kontinent erfasst wurde, ihm nicht zu denken geben!

Wir hören die USA husten, jenseits des Atlantiks. Ist es nicht so? Es klingt gefährlich hohl und wund, nach einem alten, kranken Mann, der merkt, dass ihm die Dinge entglitten sind, und jetzt am liebsten aus seinem Krankenbett aufstehen und nach dem Rechten sehen würde. Und dabei hielten wir die Vereinigten Staaten doch gestern noch für eine so junge Nation, grenzenlos einfallsreich, skrupellos, aufstrebend, zukunftsgewiss, voller Vorwärtsdrang! Sicher, die Wahl von Barack Obama kann man begrüßen als Mondlandung der allgemeinen Vernunft, und das tun wir auch gern. Man könnte natürlich auch ein bisschen skeptischer und weltklüger sein und sagen, dieser radikale Bruch mit bisherigen Gepflogenheiten der Besetzung des obersten Staatsamtes trage womöglich auch Züge des Eingeständnisses einer Krise, die bis ins Mark der Heimat der Tapferen und Freien vorgedrungen ist.

Aber wir nehmen die Sache von der positiven Seite. Wir versammeln uns an der Siegessäule in Berlin und jubeln dem künftigen Präsidenten zu. Ein bisschen bizarr ist nur, dass wir gleichzeitig dulden, dass wir von einer Politikerkaste regiert werden, deren Einfallslosigkeit dermaßen tief ist, dass wir auf eine auch nur kurzzeitige Unterbrechung derselben nicht zu spekulieren wagen. Diese Leute mit ihren eingefrorenen Mundwinkeln als Vertilger unserer Steuergelder schlucken wir, und dann jubeln wir dem amerikanischen Präsidenten zu, bevor er noch Präsident ist? Irgendetwas stimmt da doch nicht! Sehen wir uns etwa im Ernst als Teil einer Weltgesellschaft? Sind wir Deutschen die wahren Kosmopoliten? Haben wir die Gleichung US-Präsident = oberster Welt-Star so verinnerlicht, dass Barack Obama für uns lediglich so eine Art Polit-Michael-Jackson ist?

Der unvergleichliche amerikanische Denk’n'Schreiber Ralph Waldo Emerson hat geschrieben: „Wenn der Sänger aus Pflichtgefühl singt oder weil er keinen Ausweg hat, so möchte ich ihn lieber nicht hören.“ Ich nehme an, dass dieses Bonmot vor allem jene gerne lesen werden, deren Beruf es ist, ein vorgeschriebenes Pensum an Zeilen pro Tag zu füllen. Sie werden es sich in ihr Moleskine-Heft abschreiben und gleich in ihrer nächsten Kolumne oder Sonntags-Epistel verbraten. Wir leben immerhin in einer Kultur, um Emersons Metapher auszuweiten, die insgesamt nur noch aus Pflichtgefühl zu singen scheint.

An diesen etwas entmutigenden Zustand sind wir Europäer gewöhnt. Er schreckt uns nicht weiter. Wir können ja ganz entspannt eingestehen, dass Europa in kultureller und geistiger Hinsicht spätestens seit der industriellen Revolution am Ende ist. Die ganze Karriere von Martin Heidegger etwa beruhte auf dieser Tatsache. (Böse Zungen würden allerdings vermutlich auf die Renaissance als entscheidendes Datum verweisen – auf den Moment, da ein Einzelner aufstand und sagte: „Ich!“ Er sagte nicht mehr als „Ich“, dieser Einzelne, aber das sagte er dafür beharrlich, ungeheuer oft und laut.) Was uns tröstet, ist, dass wir Europäer uns wenigstens 2.500 Jahre lang an der Weltspitze der Historie halten konnten.

Doch hat die Sache auch ihr Gutes. Anders als die Amerikaner können wir unseren Alltag auch ohne Begeisterung und Rekorde überleben. Unsere Kultur ist alt und verbraucht, sie hat keine Ideen mehr, schon lange nicht. Einen der besten Beweise dafür liefern uns unsere Volksvertreter. Nur noch in der Physik gibt es Fortschritte, jeden Tag entdeckt man eine neue subatomare Welt. Worauf es ankäme, wäre eine neue Naivität, eine neue Unbefangenheit. Eine neue Art von “self-reliance”, von Selbstvertrauen. Denn Emerson fährt fort: „Nur der kann schlafen, der nicht ans Schlafen denkt, und nur der allein schreibt und spricht wirklich gut, der sich nicht allzu viel ums Schreiben und Sprechen kümmert.“

Tagged:, , , ,

§ 2 Antworten auf Neues Selbst-Vertrauen

  • willyam sagt:

    eine neue Naivität, eine neue Unbefangenheit. Klingt fein – und scheint mir so weit entfernt. Der Zustand, den Du beschreibst, wäre der schmale Grat zwischen einem naiven Optimismus, mit dem man doch noch glaubt, zum Besseren an der Welt drehen und schrauben zu können, und einem verkorksenden Pessimismus, mit dem man sich einbildet, es bliebe uns nur noch die Teilhabe an einem abwrackreifen Kulturausläufer. Man muss das Schlechte erkennen, aber davon überzeugt sein können, man könnte ihm begegnen.

    Vermutlich liegt eine der Hauptursachen für diesen Un-Eindruck, diesen zynischen Abstand, durch den man vieles um sich herum auf stumm schaltet, an dem Ungleichgewicht von auswärtigem Input und persönlichem Output: Mit halbwegs breit gestreutem Interesse lerne ich ja überwiegend vom Verkorksten, vom Unverdienten, vom Erschachterten, von Fassaden und tauben Wänden, vom schönen Anstrich auf marodem Mauerwerk. Irgendwann traut man vor lauter Widersprüchen nicht nur allen anderen, sondern auch sich selbst nicht mehr über den Weg. Das ist ja das Dilemma: dass der Individualismus uns so brüchig, so gebrechlich macht. Seinem Prinzip nach darf ich ich ich ich ich ja nur noch mir selbst vertrauen. Ich, ich, ich, ich, ich. Hab’ ich das satt. Wie wär’s stattdessen mit etwas mehr Gemeinschaftsvertrauen. Na?

  • blogozentriker sagt:

    Gut, ja, Willyam, aber muss man denn sich selbst trauen? Ist das wirklich notwendig? Reicht es nicht aus, wenn man einen Text aus sich hervorbringt, und diesen Text lässt man dann für sich sprechen? Wie Ralph Waldo Emerson seine Tagebücher gefüllt hat mit hochherzigen Betrachtungen? Hören wir doch auf, an uns selbst zu denken! Überlassen wir den Texten das Feld. Sollen die Texte sich untereinander abstimmen, die Dinge für uns klären. Werden wir jeder ein Emerson, jeder ein Montaigne, jeder ein Egon Friedell! Dann hätten wir eine Republik des Wir! Mag sein, wir sind erstickt in all dieser doppelt und dreifach ironisch gebrochenen Kultur, in dieser wiedergekäuten, bis zur Hirnlosigkeit durchreflektierten, ausgekotzten und runtergeschluckten Kultur. Europa ist am Ende, schön, ein ausgebrannter Fall. Aber wieso machen wir uns dann nicht zu Amerikanern? Um ein Amerika von innen bittend? Was wir brauchen, ist Kolumbismus nach innen! Nach dem Kubismus der Kolumbismus … das Taubenhafte, Menschenmögliche stärker betonen. Die Falken dröhnen über uns dahin, kriegsgeil, ölgetrieben, und wir singen in der Stille unser Lied. Zerschlagen wir die Automobilbranche, hetzen wir Henker auf die Banker, lynchen wir den Finanz-Mob! Schwäbischer Pietismus, meine Damen und Herren! Die Widersprüche eines gelebten Lebens sind nicht zu bewältigen. Da sind so viele Schweinereien, die uns in sich verwickeln, dass wir keine Chance haben als reale Wesen. Aber als Geister, als Erfindungen unserer selbst, als Ideen — da gehört uns sehr wohl noch eine Hoffnung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Neues Selbst-Vertrauen at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.