Was lernen wir aus der Gentrifizierung?
September 27th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Neu ist: Man muss sich organisieren, um dem gesunden Menschenverstand Gehör und ein Forum zu verschaffen. Und, was womöglich noch schwerer wiegt: Der Menschenverstand bedarf endgültig offiziell des Epithetons “gesund”. Bislang hieß es ja immer, das sei eine Tautologie, “gesund” und “Menschenverstand”, oder gar ein Oxymoron, also ein Widerspruch in sich — Einstein z. B. habe ja den gesunden Menschenverstand ausgehebelt mit seinen Theorien, ohne dass man deswegen sagen könne, Einsteins Verstand sei ein kranker gewesen. Im Gegenteil, hieß es! Die Briten, hieß es dann weiter, hätten mit ihrem common sense da eine sehr viel elegantere, unideologische, praktische Begriffs-Lösung gefunden. (Die Briten, halt.)
Jetzt aber, wo die Dinge stehen, wie sie stehen, ist der gesunde Menschenverstand dem common sense gegenüber im Vorteil. Denn der common sense holt sich die FDP in die Regierung, die Zahnarztpartei, während der gesunde Menschenverstand geschockt daneben steht und fragt: “Eine Kanzlerin für alle Menschen? Was ist denn das für ein blödes Gerede?”
Freunde haben mich in letzter Zeit aufgeklärt über das Phänomen der Gentrifizierung, das sich in einer Stadt wie Hamburg oder Berlin sehr gut beoachten lässt. Es handelt sich dabei um stadtplanerische Eingriffe — die allerdings wirklich einen kranken Charakter haben! Man schmeißt, um es auf den Begriff zu bringen, einfach alle Leute aus einem bestimmten Quartier heraus, die man da nicht mehr haben will, weil sie zu arm sind oder zu alt oder zu bequem oder einfach zu wenig zukunftsfit oder zukunftsgeil. Der Prozess ist offenbar wirklich so Orwell’sch gruselig, wie es klingt. Es handelt sich einfach um eine Art von umgedrehter Ghettoisierung: “Du kommst hier nicht mehr rein!” – “Aber Moment, ich wohn hier doch seit 20 Jahren!” – “So? Dann bekomm ich von Ihnen jetzt bitte mal die freiwillige Selbstauskunft, Kontoausdrucke sowie eine Elternbürgschaft, eine Schufa-Auskunft und eine Bestätigung, dass Sie in den letzten 20 Jahren regelmäßig Ihre Miete bezahlt haben!” – “Kann ich alles liefern, nur die Elternauskunft — meine Eltern sind seit 12 Jahren tot!” – “Tja, dann … bedaure! Dann kann ich nichts für Sie tun.”
Was verloren geht oder sich auflöst, ist das Schamgefühl, ein Gefühl für Anstand. Man will für die Wirtschaft optimale Rahmenbedingungen schaffen, also möglichst zentral Latte-Macchiato-Bars anbieten, in denen junge Väter und Mütter plus Nachwuchs sich für den kommenden Arbeitstag neu auftanken können. Und was produzieren sie dann während dieses Arbeitstages? Anzeigenblätter, die den unterdessen an den Stadtrand Verdrängten in die Briefkastenschlitze gestopft werden.