Die tiefe Sehnsucht nach einem greifbaren Feind ist dem Menschen anthropologisch mitgegeben. Sie mag nicht genetisch sein, aber vermutlich liegt ihr Impuls sogar noch tiefer, eingebettet in unser Verhalten, so fundamental, dass ohne ihn gar nichts bei uns geht. Die Angst und der Hass auf jenen feindlichen Anderen, der sich irgendwo herumtreibt und uns etwas rauben möchte, ist womöglich der Stoff, aus dem unsere Seelen sind. Kann sein, es ist der Säbelzahntiger, der evolutionsgeschichtlich dahinter steckt, kann sein, es ist der Donner am Himmel. Könnte auch die Kälte sein. Aber sofort, wenn wir einen Raum betreten, nehmen wir Witterung auf, wo unser Feind hockt. Lass uns den Feind erkennen, bitte, lautet das Gebet unserer Abstammung. Wir würden nicht atmen, wenn da nicht jemand wäre, gegen den wir atmen.
Wir sind keine großzügigen Lebewesen.
Allen blumigen 68er- und Hippie-Visionen von einem Dasein als Freudentaumel zum Trotz: Leben heißt Verdrängen, könnte man sagen, und zwar nicht nur im Freud’schen Sinne, als Verdrängen von Ängsten, sondern auf sehr konkreter Ebene als Wegstoßen oder Weghauen von Gegnern. Wir springen immer mit gestrecktem Bein zwischen die Anderen. Rugby ist der Name des Spiels. American Football. Das galt zuerst wohl für jenen Teil der Welt, in dem Geld irgendwann anfing, die guten Worte zu ersetzen. Nicht umsonst ist die wesentliche Materialisationsform des Geldes der Schein. Bei uns zählt der Schein, auf allen Ebenen. Was die Elektrizität für uns zu 90 Prozent ist, ist Schein, und darum sind wir alle längst ohne Elektrizität nicht mehr vorstellbar! Das war solange von Vorteil, wie wir am längeren Hebel saßen, uns eines uneinholbaren Entwicklungsvorsprungs erfreuten. Der Schein der Lampe, unter der wir die Kontoauszüge kontrollierten, ließ sich notfalls als Gloriole interpretieren.
Dann aber machten wir einen entscheidenden Fehler. Wir schossen uns selbst ins Genick. Ironischerweise sauste die Kugel einmal um den ganzen Globus herum! Wir dachten, wir könnten sogar die Intelligenz outsourcen. „Lass doch die Inder für uns programmieren! Solange wir die Computer bauen, was kann uns schon passieren?“ Aber wir ließen uns zu tief in die Karten gucken. Auch die Computer sind sterblich, daraus machten wir keinen Hehl, um mehr von ihnen verkaufen zu können. Nur eine tote Ware ist eine gute Ware. Das ist die raison d’être des Produzenten. Aber wir verwechselten die Maschinensprache sprechenden Inder mit Wegwerfrechnern. Menschen sind nun einmal lebendig. Solange wir den weit Entfernten, von denen wir eh nichts wissen wollten, ihre Rohstoffe klauten, war alles okay. Aber dann griffen wir nach ihren Seelen. Und jetzt gibt es nichts mehr, vor dem man Halt machte, das man als gesetzt, als unantastbar betrachtete. Der totale Krieg ist ausgebrochen.
Als die ersten Europäer in Amerika einfielen, hielt man sie für Götter. Jetzt hält man uns weltweit nur noch für Schweine. Die Fremde hat sich vom Ort, wo man die Seele baumeln lassen konnte, zu einem Hort von Feinden gewandelt. Exotik reimt sich nicht mehr auf Erotik, sondern auf Lebensgefahr. Überall lauern Heckenschützen, überall wetzt man die Messer! Auch die fröhlich grinsenden Neger sind nicht mehr, was sie einst waren. Sie sind zu selbstbewussten „Farbigen“ geworden. Mit denen kann man vielleicht reden, aber als Hotelboys und Plantagenarbeiter taugen sie halt nicht mehr! Aber sind wir inzwischen wirklich alle gleichberechtigt in dem Land, da die Sonne kaum mal wirklich aufgeht? Durchleuchten wir doch mal die finstere Logik unseres Wohlstandes!
Irgendeiner muss für uns den Dreck wegputzen. Das steht fest. Und wenn das nicht mehr die Untermenschen machen, wie früher, die Kanaken und Nigger und geborenen Aschenputtel, wer dann? Etwa wir selbst? Genau in diese Richtung bricht unsere Gesellschaft gerade um. Das merkt man. Darum wählen die Leute Guido Westerwelle. Dem traut man zu, dass er noch nie eine Toilette geputzt hat, aber von der Wichtigkeit des Toiletteputzens künden kann. Der kann vielleicht mit lautem Peitschenknall noch mal für Ruhe sorgen im Urlaubsparadies der Zahnärzte, hoffen wir, die wir alle mehr oder weniger Zahnärzte sind. Er kann die Pfründe sichern mit stahlharter Rhetorik. Er weiß vielleicht, wo der Bartel den Most holt. Die Linken, die Sozis, die sind ja der Karies des Herrenmenschen! Sie reimportieren die Sklavenmoral, die wir nietzscheanisierten Kapitalisten erfolgreich hinaus komplimentiert haben, und das noch durch die Hintertür!
Bis zu den Dumpfesten dringt dieses Weltkrisengefühl durch. Sogar bei Leuten, die eigentlich in der Business Class des Kapitalismus unterwegs sind, macht sich allmählich Unbehagen breit. Die Korruption, die immer das Fundament unseres Wohlstandes war, sorgt bei ihnen für Sorgenfalten. Einer der Gründe ist: Diese Leute sind geimpft mit der Idee von einem besseren Leben, von einem der Kunst und der Philosophie geweihten Leben. Im Ernst hatten sie das nie vor, aber auch in der virtuellen Realität ist damit ja erst mal Schluss. Der Spaß ist vorbei.
Und sie spüren — und das ist für sie ein geiler Kitzel –, dass sie vielleicht noch durchkommen mit ihrem Spiel, dass das System aber kurz vor dem Kollaps steht. Werden sie rechtzeitig den Ausgang aus dem einstürzenden Tempel finden? Und Sie? Für weitere Informationen drücken Sie F5!
Yeah!