Ich glaube nicht mehr daran. Das ist es wohl. Auf meinem Gesicht, auf der rechten Wange, sprießt ein Furunkel, eine Bombe von einem Pickel. Das ist psychisch. Der Schrei der Seele. Wenn das Herz zu schwach ist, um zu schreien, übernimmt die Haut den Job. Die Haut ist unendlich belastbar, das hat die Evolution ihr beigebracht. Die Evolution ist eine strenge, eine gnadenlose Ziehmutter. Ich hatte das schon als Kind, als kleiner Junge. Nach den Hustenattacken begannen die Hautkatastrophen. Sie hätten sehen sollen, wie meine Mutter mich manchmal angestarrt hat, wenn mir der Eiter übers Gesicht lief. Sie ekelte sich dann so sehr vor mir, dass sie sich sogar vor sich selbst ekelte, für Momente, für schreckliche Momente, weil sie etwas so Ekelhaftes wie mich zur Welt gebracht hatte. Ich konnte es an ihrem Gesicht ablesen, an diesem Blick, den sie nicht von mir zu lösen vermochte. Als wäre ich für sie ein Beweis dafür gewesen, wozu sie fähig war. Unerträglich. Mit den Jahren ging es zurück, meine Haut beruhigte sich, wurde nilpferdartig dick und zäh, aber jetzt ist diese Reaktionsform auf einmal wieder voll da. Meine Haut blutet Schmerz. Warum? Die Gründe alle aufzuzählen, fehlt mir die Kraft. Ich bin mir selbst entfremdet, das ist es wohl, in Kurzform. Ich bin mir total und unwiderruflich entfremdet. Ich möchte schreien, aber ich will mich nicht selbst schreien hören, und so explodieren meine Hautporen. Ich schaue mir morgens, nach dem Aufwachen, bevor ich in die Dusche steige, oft viertelstundenlang in die Augen. Ich fixiere meinen eigenen Blick, suche nach etwas. Wonach? Nach jemandem, den ich in mir verloren habe? Keine Ahnung, vielleicht. Ich glotze mich einfach an wie einen Mann aus einer anderen Welt, wie einen Außerirdischen, wie ein unbegreifliches Wesen von einem fremden, fernen Stern. Oder als wäre ich ein Wiedergänger, jemand, der sich aus einem vergangenen Jahrhundert in dieses hier verirrt hat. Kasper Hauser, mitten am Tag steht er da, mitten in der Stadt, zwischen den Leuten. Mit seinem sanften Lächeln will er eigentlich nur Freundlichkeit, aber man bietet ihm Burritos zum Schleuderpreis an. Mit indischem Reis, oder Reis mit Ingwer? Oder Joghurtreis? Nein, denke ich, das war’s nicht, was ich wollte, und anstatt mit der Faust dreinzuschlagen, lächle ich und sage: “Vielen Dank.”
Pickel lügen nicht
Oktober 28, 2009 von blogozentriker
Veröffentlicht in Fragmente | Verschlagwortet mit Abspaltung, Doppelgänger, Eiter, Familiengeschichten, spiegelverkehrt | Noch keine Kommentare
Einen Kommentar hinterlassen
-
Schon gelesen
-
Schon, aber ...
Schon gut
"Hohlkörper" "Tonio Kröger" Alexander Kluge Alkoholismus Amoklauf Barack Obama Bilder Blogozentrismus Bob Bob Dylan Depression Dosenbier Fernsehen Freundschaft Goethe Hegel Heldenreise Hemingway hypersensibel Idealismus Ironie Joseph Beuys Kunst Lesung Liebe Literatur Logozentrismus Lyrik Medien Nietzsche Orson Welles Poetik Realität Roman Romane Sex Shakespeare Stories Theater Theodor W. Adorno Thomas Mann TOGETHER THROUGH LIFE Unternehmen Rosebud W. J. T. Mitchell WerbungKalender
Blogroll
Meta
Seiten