Kirrmann?

Oktober 30th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Manche Namen merkt man sich. Manche Namen prägen sich uns ein, und wir wissen gar nicht genau, warum. Vielleicht hatte der Name “Kirrmann” mich immer an den Rummel erinnert. Vielleicht war es das. Als Kind hatte das Wort mich beeindruckt, daran erinnerte ich mich. Mit meinem hessischen Opa waren wir nie auf den Rummelplatz gegangen, mit ihm ging man auf die “Kirmes”. Das klang vergnüglicher als “Rummel”, gesitteter. Arrivierter.
Und es klang irgendwie nach Ole Kirrmann.
Ich stellte mein Handy an.
So weit ich wusste, hatte Kirrmann nach dem Abitur Ingenieur studiert. Bauwesen? Elektro? Keine Ahnung. Wir hatten uns nicht gemocht. Wobei ich nicht mal sagen kann, woher die Antipathie rührte. Sie war einfach da. Wir waren zu verschieden. Ole Kirrmann hielt sich für einen Riesentypen, für einen echten Mordskerl und Supermann. Dieser Ansicht konnte ich mich nicht anschließen. Ich hielt ihn für charakterlos, mittelmäßig und fade.
Keine Basis für ein herzliches Verhältnis. Zumal er mich für einen Idioten hielt.
Und nun landeten die Fotos seiner Leiche auf meinem Schreibtisch.
“Georg?”
Georg sah auf. Georg Haberer, mein Mitarbeiter bei der Mordkommission.
“Ja?”
“Ach, nichts. Schon gut.”
Sie hatten ihm in die Stirn geschossen. Saubere Arbeit. Profi-Arbeit. Oder ein ungeheuer begabter Amateur war hier am Werk gewesen. Aber eigentlich war es eindeutig die Handschrift eines Könners.
“Was ist denn, Bob?”
Georg las gerade in der “Bild”-Zeitung, eine Lobeshymne auf den Leser-Reporter, der mit seiner Handykamera anonym die Wahrheit heranschafft, indem er hinter Prominenten her hechelt.
Rummel. Ich hatte immer ein Faible dafür gehabt. Heute war alles ein Rummel, von früh bis spät. Das Wort “Kirmes” hatte keine Verwendung mehr, in seiner Gesittetheit. Grell kreischte einen alles an. Das war der Geist der Zeit.
Und ich hatte eine solche Sehnsucht nach Stille!
Ich zündete mir eine Zigarette an.
Seine arroganten, frostblauen Augen. Ole Kirrmann. So, im Tod, sahen sie noch unangenehmer aus.
“Dieser Typ hier”, sagte ich, auf das Foto tippend. “Den hab ich gekannt.”
Georg zuckte die Achseln.
“Na, und?”
Zuletzt hatte Kirrmann — wer hatte mir das denn erzählt, Mensch? — Webseiten verkauft. An Unternehmen. Hatte Beatrice mir davon erzählt? Über irgendwas hatten wir noch gelacht …
Mit Kirrmann war sie mal liiert gewesen. Nur ein Intermezzo, eine kurzfristige Sache. Aber selbst dafür hatte ich nie Verständnis aufbringen können. Ich hatte es Beatrice nie verzeihen können, dass sie mit Kirrmann liiert gewesen war, merkte ich jetzt. Auch wenn das selbstverständlich albern war, natürlich, was sonst, und obendrein mehr als 20 Jahre her! Wenn wir uns trafen, kam irgendwann, und meist ziemlich bald, der Punkt, da es mich nach Aufbruch verlangte. Ich hielt Beatrices Gegenwart nicht aus. Ich ertrug Beatrice nicht mehr, die ich einst so gemocht hatte, mehr als alle anderen Menschen. Und der Grund dafür war Kirrmann. Die Nähe seines blöden Grinsens, die Tatsache, dass er sie, blöd dieses blöde Grinsen grinsend, im Arm gehalten hatte … dabei hatte ich nicht einmal was von Beatrice gewollt.
Da war ich mir relativ sicher.
Und Ole Kirrmann, er hatte jetzt Stille, jede Menge Stille, mehr, viel mehr, als er gebrauchen konnte.
Wieso sollte wohl ein Profi-Killer einem Speicherplatz-Händler eine Kugel in den Kopf schießen?

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