Gestammelte Werke
Oktober 31st, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Das, wofür sie einstehen könne, sei ihr Leben, sagte sie, genau das eng begrenzte, zwischen Schlafphase und Schlafphase sich abspielende Leben. Alles, was darüber hinaus greife, was sich, wie sie sagte, “nach den Sternen streckt”, liege nicht in ihrem Verantwortungsbereich. Auf diese enge Begrenzung lege sie auch Wert. Diese Grenzen, so meinte sie, garantierten überhaupt erst alles andere, das Ganze, also die Existenz von etwas, das man “ihr Leben” nennen könne. Im Grenzenlosen sei für sie ein Leben nicht vorstellbar.
Alexander Kluge drehte einen Film über sie, eines seiner erstaunlichen Interviews, die spät abends nach dem ganzen Comedy- und Serien-Quark auf Privatsendern ausgestrahlt werden, wenn das Publikum müde geglotzt ist und sich dem Schlaf zuwendet. Die Verantwortlichen hielten es für vertretbar, zu solchen Zeiten einem Mann wie Alexander Kluge Sendeplätze einzuräumen. Zu der Zeit sei nämlich, meinte ein Senderchef, “die Seele des Massenkonsumenten bereits in Form geknetet”. Kluge arbeitete mit Hochdruck an einem Projekt über “Das gewöhnliche Leben”. Das Thema reizte ihn, nach all den Gesprächen mit high potentials, mit Entscheidungsträgern der geistigen Sphären, mit IQ-Supermännern. Irgendwie, spürte er, brachten diese “Höhenbohrungen” ihn nicht weiter. Vielleicht war es an der Zeit, sich den Tiefen zuzuwenden, den Müttern, Moira, jenen Regionen, in denen unerkannte Mächte unsere Lebensfäden spinnen? Er dachte an Sigmund Freud. Ein unbekannter junger Autor, dem er ein Treffen irgendwann nicht mehr hatte abschlagen können, hatte ihm, aus welchem Impuls auch immer, bei ihrer Begegnung ein schlammrotes Büchlein überreicht, “Sigmund Freud zum Vergnügen”, ein Reader aus dem Reclam-Verlag. Darin blätternd, während einer ICE-Reise, hatte Kluge den Satz gefunden: “Ganz Ähnliches gilt für Versprechen, die aus harmlosen Worten unanständige und obszöne machen, wie Apopos für Apropos, oder Eischeißweibchen für Eiweißscheibchen.”
Ein Praktikant der Produktionsfirma dctp (Development Company for Television Program) hatte Alexander Kluge auf die Frau aufmerksam gemacht, die er jetzt in seinem Studio mit Digitalkamera vor schwarzem Hintergrund aufnahm, Helga Werner. Helga Werner arbeitete in einem Rechtsanwaltbüro. Sie arbeitete hart, nicht selten auch am Wochenende und an Feiertagen, bestand jedoch darauf, auch außerhalb der Arbeitssphäre auf ihre Kosten zu kommen. Über ihren Vornamen beklagte sie sich mehrfach, der sei “einfach eine Katastrophe, absolut lächerlich”. Die Werner besuchte leidenschaftlich gerne Clubs, nahm mit Inbrunst am Nachtleben teil. Einen festen Partner, auch eine feste sexuelle Ausrichtung hatte die Frau mit den sinnlichen Lippen nicht. Ihre Arbeit mache ihr Spaß, teilte sie mit, von Liebe zum Job könne aber keine Rede sein. Ihre Berufswahl habe sie nach rein rationalen Kriterien getroffen.
Alexander Kluge fühlte sich von einer rätselhaften Müdigkeit übermannt, auch wenn das Thema Nachtleben ihn eigentlich faszinierte. Ihm fiel dazu heute einfach keine einzige vernünftige Frage ein. Er trank noch ein paar Tassen Kaffee, die ohne Wirkung blieben. Vielleicht war das auf die Schilderungen der Drogeneffekte durch Helga Werner zurückzuführen? Dass das Universum sich in eine basswummernde Kathedrale von Licht und Glück verwandelte, war mit Kaffee einfach nicht zu haben. Am liebsten hätte Kluge den Praktikanten gebeten, den Part des Fragestellers zu übernehmen, und sich eine Weile hingelegt, aufs Sofa. Unter dem Club Berghain vermochte der Büchnerpreisträger sich nichts vorzustellen. Er dachte an Nietzsche, an gewisse Passagen der “Geburt der Tragödie”, aber das reichte nicht aus, um den Dialog engzuführen, wie er merkte. Das Gespräch lief auf zwei Gleisen parallel dahin. Ihn verwirrte am meisten, dass die Frau zugleich Dionysikerin und apollinisch gesinnt zu sein vermochte. Eventuell hatte Nietzsche daneben gelegen mit seinen Analysen?
Aber konnte eine Helga Werner zu solch einem weitreichenden Urteil Anlass geben? Das klang fahrlässig.
Helga Werner wählte, um ihren Modus der Lebensführung zu beschreiben, den Vergleich mit einem Steuermann. Ihr Leben sah sie als Schiff, das sie durch die Wildwasser, die Stromschnellen, durch Untiefen und Orkane zu manövrieren habe. Für den Zustand des Meeres und der Lüfte könne sie nichts, das war ihre feste Meinung, darauf bestand sie. Hinweise auf die Chaostheorie, auf den Schmetterlingseffekt, wischte sie beiseite. “Das ist Hirngewichse, entschuldigen Sie den Ausdruck!” Alexander Kluge fragte nach den Sirenen. Würde sie den Sirenen standhalten können? Sie schien ihm aus solchem Holz geschnitzt. Umständlich vermittelte er ihr den Mythos. Die Frage interessierte ihn wirklich, endlich einmal. Nein, sagte Helga Werner, sie habe “kein Problem damit, mit den Verführerinnen zu tanzen”. Denn was sei das Leben ohne Verführung?