„Die Ruhe ist hin“, stellt er in seinen Notizbüchern fest. Er halte den „grassierenden Ökonomismus“ nicht mehr aus, die „Religion der Verkaufbarkeit“. Sogar das Trinken gibt er auf, denn so besoffen könne er leider gar nicht mehr sein, wie er sein müsste, „um diese Welt, in der ich lebe, irgendwie akzeptabel zu finden“. In einer E-Mail an eine Freundin in Hannover wird er deutlicher. Der wirtschaftliche Monotheismus mit seiner exklusiven Erfolgsgläubigkeit habe allerdings eine Achillesferse. Denn „dieser Gott ernährt sich von Lügen. Von Übertreibungen, cleveren Kniffen, Tricks. Einem gekonnten, unausgesetzten Hakenschlagen um die ganze Wahrheit herum.“ Aus der besten aller möglichen Welten sei die Welt alles möglichen Besten geworden. Beste Erreichbarkeit rund um die Uhr. Beste Auflösung. Bester Schutz gegen die Schläge des Schicksals und des Karies.
„Idioten und Nutten“, schreibt er jetzt, „das ist die Normalbürgerschaft. Das ist der Durchschnitt durch die Gesellschaft, seelischer Abfall. Der ganz normale Mensch ist verabscheuungswürdiges Gesindel ohne jedes Format. Das Dritte Reich — mich setzt es nicht mehr in Erstaunen! Allenfalls das Erstaunen darüber erstaunt mich noch.“
Dem Tadel seines Freundes S., er habe ja wohl keinen Grund, kein Recht, sich zu beklagen, habe er doch wissen müssen, was ihn in der Werbung erwartete, begegnet er mit der Versicherung: „Nein, eben nicht! Ich habe es nicht vorausgesehen. Das, was wirklich ist, vermag ich in seiner tiefen Abartigkeit in keiner Weise maßstabsgetreu zu antizipieren. Immer wieder scheitere ich an dieser Realismusunfähigkeit. Auf welches Niveau Menschen ohne alle Not zu rutschen vermögen, indem sie wilder, blinder Götzenanbetung verfallen — ich hätte es mir nie auszumalen vermocht.“
Sein Fazit: „Es ist alles leer.“
Beiträge zu einer Verzweiflung
November 8, 2009 von blogozentriker
Salü!
Mensch, grosse Klasse deine schönen tiefgründigen Texte.
Es gibt also doch noch ein paar Leute, die halbwegs wach sind und die soziale Realität in ihrer gnadenlosen Ödnis erkennen. Bei Schopenhauer las ich als junger Mann, der normale Mensch könne nur schlecht zwischen richtig und falsch unterscheiden. Damals war ich noch sehr naiv und glaubte, Schopenhauer würde einfach übertreiben. Ich hielt es damals für selbstverständlich, daß mein geistiges Niveau das Maß der Welt sei. Aber, weit gefehlt. Der alltägliche Stumpfsinn, die Banalität, ach ja das Allzumenschliche eben – an manchen Tagen spüre ich diese Sehnsucht in einer anderen Welt zu sein. Eine Welt voller Schönheit, Güte, Frieden. Der Gegensatz ist krass, denn offensichtlich zerfällt diese Gesellschaft unter dem gierigen Druck der Geldfüchse, den Schwarzmagiern der Materieverherrlichung. Ihr Motto: Begrab deine Seele, zerstreue dich, vergiß deine Sehnsucht und gib dich unseren Vergnügungen hin.