“Hohlkörper”-”Outtexts”: Noch vier Tage!
November 9th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Eine triste Absteige in Altona. Mit dem Wagen, einem Mini, habe ich es in die enge Gasse, in die mein GPS mich führt, nicht hinein geschafft. Also musste ich zu Fuß gehen. Zum Glück sind in Gegenden wie dieser die Strecken niemals weit.
Ein bulliger, ziemlich dämlich aussehender Typ, der vor der Tür gewartet hat, führt mich eine dunkle, winklige Treppe hinauf. Der Bullige hat einen Knopf im Ohr, aber ganz offensichtlich handelt es sich bloß um einen Ohrstöpsel seines iPods. Auch ist sein Anzug alles andere als Bodyguard-Qualität; allenfalls Bodybuilder-Klasse. Die Art, wie er beim Treppesteigen die Unterlippe hängen lässt, lässt darauf schließen, dass sein nächstes Bier nicht das erste an diesem Morgen sein wird.
Wäre ich nicht ein abgebrühter, zynischer Reporter, bekäme ich es spätestens jetzt mit der Angst zu tun.
Oben, am Ende der Treppe, nimmt die Pressedame uns in Empfang, eine junge Frau mit schüchternem Lächeln und unbezwingbarem Zwinkern. Sie zwinkert wirklich die ganze Zeit. Irgendwann macht mich das Dauerzwinkern nervös, und ich sage: “Ich wollte ja nur dieses Interview mit dem Blogozentriker führen, darum bin ich hier.”
Hinter einer abgenutzten, in schmutzigem Weiß lackierten Tür lässt sich daraufhin ein Kichern vernehmen.
“Schicken Sie ihn rein, Lisbeth”, höre ich eine nervöse Stimme plärren.
“Bitte, da hinein”, sagt die Pressedame, und irgendwie gelingt ihr das Kunststück, bei diesem Satz, der ja gar kein S beinhaltet, zu lispeln.
Der bullige, billige Bodyguard gibt mir einen Schubs und reißt die unreine Tür vor mir auf. Er wirkt dabei sehr erleichtert.
Auf einem Sofa, über das eine weiße Decke gebreitet wurde, sitzt er.
Meine erste Frage, nachdem ich einen Stuhl gefunden habe, lautet: “Blogozentriker, Ihr Roman HOHLKÖRPER erscheint am kommenden Freitag, ausgerechnet einem …”
Der Blogozentriker macht mächtig einen auf Truman Capote. In der Darstellung von Philip Seymour Hoffman, allerdings. Er ist eine ziemlich gekünstelte Erscheinung, vom Scheitel bis zur Sohle ein echter Schauspieler, das vermögen auch roter Schal und affektierte Haartolle nicht zu kaschieren. Ein Männchen mit den Manieren eines Weibchens. Ich will mich hier nicht in unglaubwürdigen Details verlieren, aber der Hinweis sei mir gestattet, dass er eine Sonnenbrille trägt. Mit Zwei-Euro-Münzen-runden Gläsern.
Noch während ich meine Frage formuliere, unterbricht mich das Männchen: “Nein, das ist so nicht richtig, mein Freund.”
“Ach?”
“Nein, am kommenden Freitag wird eine exklusive Sneak Preview stattfinden, unter dem Titel ‘Outtexts’. Witzig, nicht, ‘Outtexts’? Das hab ich mir selbst ausgedacht. Also literarische Outtakes, Romanpassagen, die nie in den Druck gelangt sind.”
“Wirklich? In der Pressemittelung stand aber …”
“Ja, das wird sehr nett. Bestimmt. Ich freue mich sehr darauf.”
“Aber die Veranstaltung wird im Thalia Theater stattfinden, das stimmt doch?”
“Das steht so in der Pressemitteilung?”
“Ja?”
“Na, es stimmt FAST, sagen wir mal.”
Langsam werde ich sauer. Ich meine, ich habe da draußen in einer dunklen, einsamen Seitenstraße meinen nagelneuen, vom ersten Festgehalt angezahlten Mini stehen lassen, einen wunderbaren Kameraden in blitzendem Mintgrün, und jetzt?
“Also nicht im Thalia?”
“Nein, in einer sehr viel angemesseneren, undergroundigeren Location. Im ‘Südbalkon’.”
“Aha”, murmele ich kritzelnd, “und wo soll das sein, bitte?”
“Wilhelmsburg.”
“Der Stadtteil ist ja momentan groß im Kommen!”
“Allerdings.”
“Deswegen haben Sie sich auch für den ‘Südbalkon’ entschieden?”
“Ich, äh, ja. In letzter Sekunde haben wir umdisponiert.”
“Glauben Sie denn, Sie hätten das Thalia voll bekommen? Ich meine, mit so einem dubiosen Roman von einem unbekannten Autor, bei einem No-Name-Verlag publiziert?”
Der Blogozentriker versucht sich an einem Lachen, aber auf seiner Stirn perlt der Schweiß.
“Also, mein Verlag, haha, mein Verlag hat natürlich einen Namen, wie Sie wissen; als guter Journalist haben Sie das ja bestimmt recherchiert?”
“Ja”, ich entfalte den Ausdruck der Pressemitteilung, den ich bei mir führe, “hier werden allerdings gleich zwei Schreibarten für Ihren Verlag angegeben. ABACUS und ACABUS. Mal liegt das B vorn, mal das C. Welche Version ist denn nun die richtige?”
Der Blogozentriker springt jetzt auf.
“Das, äh, ich — LISBETH!” Er schreit zur Tür, weicht dabei zum Fenster zurück. Hoch, schmal, hell, mit weißen, gespensterhaften Gardinen. Davor er, eher breit, kurz, dunkel.
Die Pressedame stürmt in den Raum, über ihrer Schulter sehe ich das dümmlich glotzende Gesicht des Bodyguards.
“Ja, Herr Blogozentriker? Stehe zu Diensten?”
“Stehen Sie nicht zu Diensten, stehen Sie mir Rede und Antwort! Also, vielmehr diesem Reporter hier!”
“Ich”, lispelt das bedauernswerte Mädchen, von Schamröte übergossen, “ich -th-tehe -th-ur Verfügung, jeder-th-eit!”
Ich verstaue mein Schreibwerkzeug, Moleskine-Heft und Drehkugelschreiber.
“Das reicht mir”, murre ich, “das ist ja entwürdigend! Eine Farce! Ein Autor, der noch nicht mal weiß, wie sein Verlag heißt?”
“Wie, wie heißen SIE denn überhaupt?” schreit der Blogozentriker mir nach.
Ich rempele, ohne auf die Frage einzugehen, den Bodyguard zur Seite, der hilflos an die Wand schwankt, wo er sich in grünlichem Schwall erbricht.
Ich will nur weg, zu meinem Mini.
Ehrlich gesagt, weiß ich nämlich tatsächlich nicht, wie ich heiße.