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November 10th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Victor Klemperer, der vor einigen Jahren für seine während des Dritten Reiches geführten Tagebücher posthum sehr berühmt wurde, hat schon 1946 eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht mit dem Titel: “‘LTI’. Die unbewältigte Sprache”. LTI steht für “Lingua Tertii Imperii”, was Latein ist und bedeutet: die Sprache des Dritten Reiches. In dieser Studie untersucht er in 36 Aufsätzen unterschiedlicher Länge gewisse sprachliche Auffälligkeiten, die unter dem Hitler-Regime zu beobachten waren, nach dem Motto: “Man ist, was man redet!” Die Aufsätze tragen Überschriften wie “Familienanzeigen als kleines Repetitorium der LTI”, “Fanatisch” oder “Autochthone Dichtung.”

Ich kam darauf, als mir gestern aus der “Süddeutschen Zeitung” eine “Verlagsbeilage” entgegenflatterte mit dem Titel: “REAL ESTATE business”. Wenn man darin herumblättert, weht einen etwas an, ich weiß nicht, was, etwas Eisiges, Finsteres — ein Geist der Verleugnung, ein perverser, lügnerischer Geist. Im Mittelalter hätte man das vermutlich genauer klassifzieren können, ich assoziierte irgendwann Klemperers sprachkritische Zeit-Schrift.
Neutönerische Prägungen wie: “In unseren Vermietungsaktivitäten und regelmäßig erhobenen Mieterumfragen erkennen wir keinen dominanten Trend außer der hohen Präferenz für Flexibilität und strenge Kostendisziplin” — niemand wird mir einreden wollen, man könne den ganzen Tag diese Sorte Blabla hören, ohne irgendwann ballaballa zu sein!
Oder: “Der Markt für Einzelhandelsflächen ist stabil und die Anlage in Handelsimmobilien bleibt als attraktives Investment im Fokus institutioneller Investoren.” Das ist die Sprache serviler Gier, vielleicht die übelste, kriecherischste, charakterloseste Haltung überhaupt (in altertümlichen Termini ausgedrückt und gedacht, natürlich).

So artikulieren sich Menschen ohne Moral und Gewissen, die zu einem Irgendwie-Deutsch Zuflucht nehmen, das ihre Motive im Talleyrand’schen Sinne behandelt: Dieser war bekanntlich der Ansicht, Aufgabe der Sprache sei es, die Absichten des Diplomaten zu verbergen. Obwohl, nein, genau so artikuliert man sich als Mensch JA NICHT! Kein Mensch spricht so. Wer so spricht, ist — ein Haufen sonderlexikalischer Müll.

Die geistige Substanz all dieses aufgemotzten Drumherumgeredes erschöpft sich in Feststellungen wie: “Wie es am Gewerbeimmobilienmarkt weitergeht, wird von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abhängen.” Noch bündiger: “Da werden Lösungen gefunden werden müssen.” Man krempelt die Ärmel hoch — und setzt sich dann wieder hin, sobald die Kamera auf Off geschaltet wurde.

Mit derartigen Verlautbarungen hätte die CIA in Guantanamo Bay foltern können.

Begleitet werden diese Under-Statements von Fotos, bei deren Betrachtung man sich fragt, ob diese Leute Hannah Arendts Beobachtungen zur Banalität des Bösen tatsächlich als berufliche Gebrauchsanleitung lesen. “Hey, Freund, schau mich an — könnte ein Haifisch so ein Haifischlächeln lächeln? Hm?”

Nicht, dass ich die Immobilienspekulanten mit der Nazi-Brut vergleichen möchte — du lieber Himmel, nein! Tragen sie etwa Braunhemden? Sie tragen Nadelstreifen. Das ist etwas vollkommen anderes; fragen Sie Roberto Saviano!

Als Namen für dieses schauderhafte Kauderwelsch schlage ich hiermit vor: “ec”. Das steht für “economically correct”, es handelt sich um eine Parallelbildung zu “politically correct”.

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