BUT IN OUR NAME?

November 11th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Das war eine Riesensache, auf die sich Bob und Georg damals eingelassen haben. Die konnten ja gar nicht absehen, die zwei Quarkköpfe, wohin diese Angelegenheit nun wieder führen würde. In dieser Hinsicht waren die zwei Textprofis absolut unbelehrbar. Nicht einmal stur. Eher wie vollkommen beknackt. Totale Idioten. Sie begriffen einfach nicht, dass es manchmal das Beste ist, zu Hause sitzen zu bleiben und das Fenster geschlossen zu halten. Das hat ja schon der große Philosoph Pascal gesagt. Blaise Pascal. Wer nicht zu Hause bleiben kann, dem blüht Böses. Und so war’s auch in diesem Fall.

Man brauchte einen Text, und also wendete man sich an eine Text-Agentur, und das war nun einmal n+2. An Geld herrschte ja kein Mangel. Ein Haufen von Großinvestoren, Venture-Kapitalisten, Spekulanten, Immobilienhaien. Eine ausgesuchte Klientel. Ein merkwürdiges Geräusch, wie die flüsternde Arbeit von Verdauungsorganen, und ein ebenso merkwürdiger Geruch erfüllten den Raum. Man lächelte allenthalben, aber ganz ernst gemeint wirkte das nicht. Diese Leute wünschten sich eine knackige Antwort auf ein Pamphlet, das irgendwelche … aber vielleicht kann Ihnen das Harm Harmsen, der Pressesprecher der ad hoc gegründeten Interessenvereinigung BUT IN OUR NAME, besser erklären.

“Also”, räusperte sich Harm Harmsen und überprüfte ein letztes Mal den Sitz seines Krawattenknotens, “nachdem da diese Asozialen und Künstler, wenn hier eine Differenzierung überhaupt gestattet ist.”
Harmsen merkte, dass sein feines, gemeines Lächeln unbeantwortet blieb, und fuhr fort:
“Also, dieses unter dem Titel NOT IN OUR NAME publizierte Schriftstück manifestartigen Charakters, das, wie Sie ja sicher auch mitbekommen haben, u. a. im ‘Hamburger Abendblatt’ und in der ‘ZEIT’ nachzulesen war …”
“Genug, es reicht, jetzt rede ich!”
Vehement drängte Kai Haye, Immobilienboss und Charakterschwein, in den Vordergrund, Harm Harmsen brüsk das Wort abschneidend.
“Dieses ganze Drumherumgerede höre ich mir jetzt schon seit Tagen an!” schrie er. Dann wandte er sich an Bob und Georg:
“Meine Herren. Was wir uns von Ihnen wünschen, ist ein Anti-Manifest. Wir haben den Titel schon festgelegt, also, vielmehr hat ihn meine kleine Tochter, Elsa, festgelegt. BUT IN OUR NAME soll diese Gegenerklärung heißen. Wir möchten, dass Sie darin ganz deutlich unsere Haltung darlegen. Klipp und klar. Ohne Ausflüchte.”
“Okay”, sagte Bob mit einem strahlenden Lächeln. “Kein Problem. Und was ist Ihre Haltung?”
Kai Haye zog den Kopf ein, runzelte die Brauen. Er warf ängstliche Blicke zu den anderen Ganoven, die mit ihm in dem Raum versammelt waren.
“Hm”, sagte er, “tja, das jetzt so in einem Satz …”
“Ganz genau wissen wir’s auch nicht”, sagte Harm Harmsen, der Oberwasser witterte, schnell.
“Was sollen wir Ihnen das denn sagen?” Der Immobiliengrande, der sich jetzt zu Wort meldete, ein Mann, der wesentlich älter aussah, als er war, eine schleimige und aufgeschwemmte Kreatur, rümpfte die Nase. “Wofür bezahlen wir Sie denn, wenn wir hier selbst die ganze Formulierungsarbeit machen?”
“Na ja”, Georg warf Bob einen hilfesuchenden Blick zu, “ein bisschen ein Briefing, also, das könnte nicht schaden.”
“Steht doch alles im Internet!” sagte Kai Haye apodiktisch.
Man erhob sich reihum.
“Im, im Internet?”
Da blieb selbst Bob die Spucke weg.
“Recherchieren Sie halt ein bisschen!” Kai Haye umfasste seinen Kopf mit beiden Händen und verzog das Gesicht. “Sobald Sie sich in unsere Lage versetzt haben, wird Ihnen sofort klar sein, wo für uns das Problem liegt mit diesem Asozialen-, also, mit dieser Stellungnahme der Künstler.”
“Es gibt Abmachungen”, sagte Harm Harmsen, “und Verträge. Und”, fügte er schnell hinzu, “Verantwortung!”
“Ja, wir tragen Verantwortung für die Zukunft dieser Stadt!”
“Und nicht nur dieser Stadt!”
“Aller Städte!”
“Es geht hier doch nicht nur um Profit! Es geht um Werte!”
“Profit, das ist doch ein Wert!”
“Profit, das ist ein Wert an sich! Ohne den können Sie keine Wirtschaft machen. Das ist absurd, Wirtschaft ohne Wert, also Profit!”
“Und Wirtschaft braucht Raum! Büros! Ladenflächen!”
Wild tobten die Meinungsäußerungen durcheinander. Georg schrieb mit fliegender Bleistiftmine mit.
“Geld ist für unsere Wirtschaft, was Benzin für einen Verbrennungsmotor ist!”
“Bravo!”
“Immobilien sind Wert gewordener, also, zukunftsfähiger Besitz.”
“Immobilien bieten ungeahnte Wertsteigerungsmöglichkeiten, das belegt jede Prognose.”
“Mehr Werte durch mehr Raum!”
“Mehrwert durch mehr Werte!”
“Oder mehr Werte durch Mehrwert?”
“Ist doch eigentlich gleich.”
“Passt doch beides!”
“Find ich beides gut!”
“Schreiben Sie das so!”
“Ja, schreiben Sie’s einfach so auf!”

Bob sah Georg an, als der Besprechungsraum sich wieder geleert hatte. Er glaubte, dem großen Blaise Pascal verständnismäßig gerade einen Riesenschritt näher gekommen zu sein. Nur ein einsamer Hut lag, zertreten, auf der dunklen, staubabwehrenden Auslegeware.

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