Ein Hohlkörper in Wilhelmsburg

November 12th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich werde es tun! denkt er. Morphium. In Pillenform. Er blinzelt, hyperaufgeregt, ins Publikum. Nicht nur seine Nerven flattern. Auch die Seiten, beim Umblättern. Er sieht all die Anmerkungen seiner Lektorin, in diesem frühen Ausdruck des Manuskripts, grüne Schriftzeichen, und ihm wird schlecht. Der “Südbalkon” dreht sich vor seinen Augen. Was hab ich zu verlieren? denkt er. Der Roman ist in der Druckerpresse; irgendwann liefern sie ihn aus. Irgendwann werden sie ihn ausliefern müssen, denkt er.

Der Selbstmord Robert Enkes hat ihm zu denken gegeben. 35.000 sind für Robert Enke auf die Straße gegangen, Oliver Bierhoff hat im Fernsehen geweint. Die Medien sind voll von diesem Thema. Manche Menschen werden rührselig, wenn einer sich umbringt. Sie fragen sich dann: “Wie hätten wir ihm helfen können?” Bei ihm war das immer anders. Er schöpfte Mut, ein unerklärliches Gefühl der Erleichterung ergriff von ihm Besitz, sobald jemand sich umbrachte. Er dachte dann vage etwas wie: “Na, so einfach geht das.” Oder es war einfach ein Gefühl von Solidarität, etwas wie: Einer weniger, der leidet …

Der Freitod des Nationaltorhüters, mit dem Auto vor einen Zug, hat das Land bewegt. 20 Jahre nach dem Mauerfall waren die Gefühle eh gelockert. Und dann tat es noch einer, der alles erreicht hatte, der menschlich im höchsten Maße integer war. Nicht so ein Feigling, so eine Dreckssau, die bis zum Hals im Sumpf steckte, womöglich noch im Drogen- und Dopingsumpf, und jetzt die Notbremse zog, weil sie einfach keinen Ausweg mehr sah. Sondern da war ein Höchstsympathischer abgetreten, so empfanden das die Massen, einer, der einfach diese Schweinewelt nicht aushielt, die uns alle bis aufs Blut quält. Das denkt er da hinter seinem Tisch im “Südbalkon”.

Gleich diese Lesung, denkt er, das muss sein. Das muss noch sein, wie der letzte Satz eines Streichquartetts. Und dann, wenn ich mit den paar Texten hier durch bin, denkt er, mit dem Bauch an das Tischchen stoßend, dann werf ich mir diese zwölf Pillen ein. Und dann aus, the short good-bye. Morphium. Es wird ein schöner Tod. Ein Tod mit Flügeln. Ein Davonschweben wird das, geigenuntermalt …

Natürlich, die Frage muss erlaubt sein, ob es nicht stilvoller wäre, sich in den Kopf zu schießen. Das wäre eindrucksvoller, ein Fanal, ein Trompetenstoß, sozusagen. Das würde noch sehr viel mehr Aufmerksamkeit erregen, Auflage bringen, Medieninteresse locken. Aber nein. Er ist nicht so der handwerklich begabte Typ. Das ginge voll in die Hose bzw. in die Stirn, und dann bin ich blind, denkt er, das Cover seines Romans, der noch in der Druckerpresse hängt, parat legend, um es gleich vorzeigen zu können, und zu allem Überfluss muss ich mir dann noch von allen Seiten Vorwürfe gefallen lassen, warum ich denn nichts gesagt, warum ich denn nicht um Hilfe gebeten hätte. Meine Güte! Wenn ich etwas nicht gebrauchen kann, denkt er, dann ist es so ein Sermon, diese Art von Anteilnahme. Ich will ja gar keine Hilfe! Die Leute, von denen ich Hilfe hätte gebrauchen können, können mir jetzt keine mehr geben, und vorher wollten sie nicht. Und alle anderen? Nein, sorry; für Notopfer und Mitleidstaten bin ich mir zu schade! Auch ich, auch ich habe Ansprüche!

Ihm stehen Tränen in den Augen, und der DJ beendet jetzt seinen Einstiegsset und nimmt die Kopfhörer von seinem Kopf, die Gäste haben in dem engen Raum Platz genommen. Alle sehen ihn erwartungsvoll an, auch ein bisschen irritiert, natürlich, ein paar. Was heult der denn? Das ist ja wirklich auch selten dämlich, dass so ein Entertainer schon vor seiner Show heult. Und was ist man als Vorleser, selbst wenn man sich als ernsthafter Schriftsteller begreift, denn letztlich anderes als ein Entertainer? Eine Lachnummer? Die Unterhaltungswurst? Ein paar kichern, weil sie denken, die seien witzig gemeint, die Tränen. Ironisch.

Er denkt: Was les ich denn als erstes, welchen Text? Und er sucht seinen Zettel, wo er das notiert hat, die Kapitelnummern in diesem fetten Manuskript, das er als Ringbuch hat binden lassen. In der richtigen Reihenfolge. Wo hab ich denn diesen, das gibt’s doch nicht, denkt er, ich hatte doch extra … Jetzt kichern noch mehr Leute, allmählich setzt sich die Meinung durch, dass das alles Show ist, dass er einen leicht Wirren spielt, so eine Verrückter-Schriftsteller-Type, die ihren Arsch nicht von ihrem Ellenbogen unterscheiden kann. Und er wird darob immer verzweifelter, das ist ja klar. Das hier soll seine große Stunde werden, sein final countdown, um noch mal auf den Mauerfall zurückzukommen, oder war das winds of change, und jetzt findet er doch diesen Scheißzettel nicht, diesen … wo ist der? Liegt der auf dem Boden?

Und dann kriecht dieser Schriftsteller, der bei diesem völlig unbekannten Verlag einen Roman publiziert hat, den er jetzt vorstellen möchte, aber nicht als Roman, bizarrerweise, sondern anhand von so genannten “Outtexts”, was ja auch schon wieder so bescheuert ist, dass man es für clever halten könnte, nur, wer kann einen Schriftsteller für clever halten, der als erstes mal unter seinen Vortragstisch kriecht? Und jetzt doch wirklich und ganz real zu heulen anfängt? Und die Arme um seinen Kopf schlingt, und ins laute Wimmern ausbricht, und jetzt fällt er noch auf die Seite, in die stabile Seitenlage, und Schluchzen, ja, Schluchzen EXPLODIERT geradezu in ihm, aus ihm heraus? Das ist schon freaky, mein lieber Mann! Und jetzt verteilt er auch noch Smarties überall im Raum, aus einer silbernen Pillendose! Die Leute schnappen sich die Pillen natürlich sofort, gierig, wer weiß, vielleicht wird man ja high davon? Und der Schriftsteller, der findet das gar nicht komisch, der wird jetzt richtig aggressiv und attackiert die Leute, die seine Smarties auffressen … haha, das ist ja echt der Wahnsinn! Der geht ja voll ab! Da mach ich doch gleich mal ein Handyfilmchen, wer weiß, vielleicht kann man das später irgendwo ins Internet stellen? Vielleicht beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf die Homepage?

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