Ich vertraue Peter Sloterdijk!

November 12th, 2009 § 7 Kommentare

Die Frage ist ja in erster Linie: Welchem Autor vertraue ich? Das Verhältnis zwischen Leser und Autor ist ja eines der intimsten überhaupt, vielleicht sogar das allerintimste, da es ein ideales ist. Auf alltagspraktische Fragen muss keine Rücksicht genommen zu werden, nirgends. Wir teilen kein Bett, wir essen nicht vom selben Brot. Notlügen sind also unverzeihlich. Ich dränge nicht darauf, dass mein Autor mir Dinge erzählt, die er mir nicht erzählen will. Was er mir aber erzählt, sollte er exklusiv mir erzählen — wenn Sie verstehen, was ich meine.

Um das auszuführen. Ich vertraue blind Witold Gombrowicz, ich vertraue Alfred Polgar, ebenfalls blind. Gut, könnte man einwenden, die sind auch tot! Toten vertraut es sich leicht. Aber ich vertraue auch Alexander Kluge. Ich vertraue sogar Dietmar Dath, auch wenn ich wenig von ihm gelesen habe. Er meint es unverkennbar ehrlich und ernst.

Nie etwa aber könnte ich ein Buch von Roger Willemsen lesen. Zwar mag der ein guter Stilist sein etc. — aber ich traue ihm nicht. Für mich ist er nur ein Hausfrauen-Stilist. Seine Brillanz ist von der aufpolierten Sorte. Sie soll Leuten gefallen, Pardon, die selbst nicht brillant sind. Willemsen ist gefangen in einer Blase von Eitelkeit — und bitte, kommen Sie mir nicht mit: “Einer musste ja damals diese Palaversendungen moderieren!”, oder: “Wer sonst hätte Jazz-CDs für das Zweitausendeins-Monatsheft besabbern sollen?”

Nebenbei ist es aber auch egal; ich vertraue ihm einfach nicht.

Ganz anders bei Peter Sloterdijk. Während sicher viele von Roger Willemsens pseudoernsthaftem Getue tief beeindruckt sind (“Interviews mit den Gefangenen von Guantanamo Bay! Wow! Nicht nur ein Poet, sondern auch noch ein SERIÖSER Journalist!”), finden sie Sloterdijk oberflächlich, schillernd und seicht. Eine echte Blase, eben. Dabei finde ich, dass man sehr viel mehr Mut braucht, um sich zu seiner Blasenhaftigkeit zu bekennen und sich, etwa, mit einem Buch mit dem Titel “Blasen” zu einer Tauchfahrt ins Ungewisse aufzumachen, als sich mit Leuten in einen Raum zu setzen, die zu einem Kosmos gehören, der auch nur eine Blase ist, wenn auch eine, die von so genannten “Journalisten” mit so genannten “Fakten” zum Schillern gebracht wird.

Die Gefangenen von Guantanamo Bay, die interessieren einen Gockel wie Roger Willemsen doch gar nicht! 9/11, das konnte seinerzeit den Empfindenden nicht entgehen, war für die Medienbande ein Glücksfall. Die Schamlosigkeit, mit der sogar die “Süddeutsche Zeitung” das Foto eines “falling man” (Don DeLillo) brachte, war ekelerregend, nichts weiter. Die Gier nach Auflage leuchtete einem aus jedem seifigen Kommentar entgegen. Und bis heute ist dieses Zusammenklappen schlampig konstruierter Hochhäuser (resp. für Verschwörungstheoretiker: dieses eklatante, unfassbare Menschenrechtsverbrechen der damaligen US-Regierung) ein Glücksfall für jeden Journalisten. Das Thema zieht einfach, weil wir alle denken, wir wüssten etwas darüber.

Das Foto eines Mannes, der in die Tiefe stürzt, weil er nicht verbrennen möchte. Reportagen eines Mannes, der durch die Lande reist, weil er endlich ernstgenommen werden möchte. Für mich ist das ein und dasselbe. Es sind Coups, Manöver, Kurzatmigkeiten, taktisches Getue. Das Werk von schamlosen Manipulatoren. Dahinter steckt keine Ananke, wenn Sie mir dieses klassische Wort gestatten, also kein Zwang, keine Notwendigkeit, kein innerer, tiefer, idiotischer Drang, der auf eine Sache zielte. Willemsen inszeniert sich als Interview-Held, nicht als Schreib-Idiot, wie etwa Josef Winkler, dem Peinlichkeiten egal sind. Was Roger Willemsen tut, scheint nützlich, darum darf es so absolut ersichtlich unnütz sein. Auf Roger Willemsen könnte jeder Idiot, jeder Bürgermeister einer schwäbischen Kleinstadt könnte sofort eine Laudatio auf Roger Willemsen halten, und das ist furchtbar! Das ist wie bei Ibsens “Stützen der Gesellschaft”. Wenn man sofort eine Rede auf jemanden halten kann, dann ist das Ausweis einer fetten Lebenslüge, einer Selbst-Inszenierung im pathologischen Maßstab. Nur zu Kitsch fällt einem sofort eine Rede ein. Zu Kitsch und Quatsch.

Was mich noch mehr wurmt, ist, dass Roger Willemsen nicht zu seinem Fiesling-Potential steht. Dass er partout als Guter durchgehen will. Darum biedert er sich ja so an mit seinen Human-interest-Sachen. Das ist doch enttäuschend, bei so einem Talent! Ich will ja z. B. auch nicht, dass Kai Diekmann ehrlich und anständig wirkt! Ich finde es grandios, wenn diese dubiosen, gegelten Schauergestalten sich die Treue halten.

Gestern sah ich kurz im Vorbeizappen im Fernsehen den Versuch, Kai Diekmann, den Oberschurken, mit seinen fast schon glänzenden Haaren mit Beobachtungen Stefan Niggemeiers zu konfrontieren, wonach der “Bild”-Blog, den der “Bild”-Boss betreibt, eher nicht so ganz und gar aufrichtig sei, allenfalls ironisch-abwürgend. “Echt?” sagte Diekmann, gar nicht zuhörend, und “echt?” Er hörte nicht hin, stattdessen streckte er der Fragestellerin die Hand hin und sagte: “Da ist Stefan Niggemeier der größere Sachverständige”, und ohne Lächeln entschwand er, zwei seiner Nadelstreifenbuben im Kielwasser.

Das ist für mich vertrauenswürdig, auf Kai Diekmann ist erkennbar Verlass, und darum würde ich nie, nie eine “Bild”-Zeitung lesen, selbst wenn es eine Sonder-Ausgabe gäbe, in der alle Gefangenen von Guantanamo Bay interviewt werden.

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§ 7 Antworten auf Ich vertraue Peter Sloterdijk!

  • pathoblogus sagt:

    Du vertraust Peter Sloterdijk? Wirklich? Da vertraue ich noch eher dem Safranskilispler als diesem hyperbolischen Obelix. (der “hyperbolische Obelix” ist leider von Richard David Precht, wäre da nicht dieser Makel, würde ich mir das Wort an die Wand schreiben).

    Das ist ja überhaupt eine Anmaßung sondergleichen. Vertrauensbekundungen an Sloterdijk und Gombrowicz, in ein und demselben Text! Polgar, Gombrowicz, Kluge … da bin ich voll dabei, aber SLOTERDIJK???

    Du hättest Hans Blumenberg, Reinhard Koselleck, Harald Weinrich, ja du hättest sogar Hans Robert Jauss sagen können, aber Sloterdijk, das ist schlimmer als Karl Heinz Bohrer und Matthias Mattussek in einer Person.

    Es gibt einfach ungeschriebene Gesetze, wie zum Beispiel, dass man Walter Benjamin bewundern aber eher noch Adorno vertrauen kann.

    Sloterdijk allerdings ist weder bewunderswert noch vertrauenswürdig, sondern bloß durch und durch abgründigste Philosophasterei. Schon alleine der Gestus, mit dem er jedes Scheißbuch, das von ihm erscheint, ESSAY nennt. Ein Versuch, eine Auslotung, eine Erprobung und Übung, Artistentrampel, Elefantenbongo.

  • Blogozentriker sagt:

    Ja, aber allein schon die Art von Vehemenz, die er bei ansonsten ganz unbescholtenen Bürgern auszulösen vermag — das kann nur Sloterdijk. Und diesem Vermögen vertraue ich. Außerdem kann einer, den David Richard Precht, oder wie der heißt, verhetzt, nicht ganz und gar schlecht sein. Meine Güte, meinetwegen hat das mit Philosophie nicht viel zu tun — aber was HAT denn mit Philosophie schon was zu tun? Ist doch alles Quark, dieses Motzen gegen Sloterdijk. Klar, EINEN braucht man ja. Alle auf den armen Dicken … nee, da mach ich nicht mit. Bei so einer Schweinerei, da bin ich nicht dabei!

  • Blogozentriker sagt:

    PS: Und ich bitte doch auch, mal ein bisschen auf die Zusammenhänge zu achten, anstatt sich immerzu ins Leere hinein echauffieren zu wollen, Mensch!

  • pathoblogus sagt:

    Also da wo der Sloterdijk sitzt, ist es bestimmt alles andere als leer. Zur Verteidigung Prechts, den ich eigentlich garnicht verteidigen will, der Ausdruck stammt aus einem für mich unerwartet differenzierten Artikel über die Debatte zwischen Honneth und Sloterdijk. Wo wir eigentlich schon bei dem Punkt wären, der mich überrascht hat.

    Bei all der Medienkritik die deine Kommentare, wie auch deine Beiträge durchzieht, fand ich es einfach seltsam, dass du den dicken großen Waldphilosophen so akzeptierst. Klar den Ausfall gegen Roger Willemsen kann ich mehr als vertstehen, den Kerl konnte ich mit seiner prätentiös verlogenen Gutheit noch nie ausstehen, da kommt selbst Sloterdijk nicht mit, aber Sloterdijk ist in meinen Augen bloß ein Schaumschläger, was übrigens gut zu seinen Blasen passt. Diese Irrelevanz macht ihn aber noch lange nicht akzeptabel. Gut man kann ihm eine gewisse Unterhaltsamkeit nicht absprechen, ich muss zugeben, ich hab einige Bücher von ihm gelesen, sobald er aber irgendeine Überleitung von seinem eklektischen Theoriegeschwafel in politische Zusammenhänge versucht, wirds meistens unsauber und auf jeden Fall nicht vertrauenswürdig, da musst Du mir doch zustimmen. Es geht mir da garnicht um die blöde Menschenparkdebatte, weil das einfach total überzogene Reaktionen waren auf einen ziemlich müden Text. Aber die Aussagen, die er über irgendwelche Leistungsträger macht und über nicht integrationswillige Türken, also bitte… solche Ausfälle sind angelegt in seiner ambivalenten und total überzogenen Metaphorik. Dem fällt zu irgendeinem Dreck eine “hübsche” Metapher ein, die bekommt dann Beine und er findet es dann augenscheinlich mehr als unterhaltsam, diese Metapher auf jede möglichst unangebrachte Stelle anzuwenden.

  • Blogozentriker sagt:

    D’accord. Sehe ich ja alles ganz genau so. Aber müssen wir die Schuld für Sloterdijk-den-Debattenscheucher (oder meinetwegen -verseucher) nicht eher bei Leuten suchen, die zu einer Metaphernschleuder sagen: “Mach doch mal was über die sozial-ethische Verpflichtung der Besserverdienenden”? Diesen ganzen Kram finde ich übrigens so trist, dass ich es nicht lese, kein einziges (Interview-) Wort davon.

    Ich liebe in Sloterdijk den Wort-Spieler, das ewige Kind, den Tausendsassa. Alles andere ist mir egal. Und mir scheint, das sei auch wirklich die einzige Weise, Sloterdijk gerecht zu werden. Er selbst sieht sich ja in der Tradition eines Heinrich Heine. Bei Sloterdijk findet all das Geblase und Geschäume auf einer, wie er selbst ja suggeriert, ganz weichen, soften, weltfremden Ebene statt. Und weil ich leckeres Schaumgebäck in diesen Texten sehe, finde ich sie eben inspirierend. Punkt.

    Es kommt wohl auch darauf an, wie viel Glaubensbedürfnis einer in sich trägt. Wenn ich Sloterdijk beim Wort nehme — Blasen, Schäume, Artistik –, dann gibt’s keine Probleme. Oder? Er WILL gar kein Hegel sein, kein Heidegger, kein Ewigkeitsbewältiger. Er ist ein französischer Geist, und ich habe irgendwie eine Vorliebe dafür. Das meine ich mit “vertrauenswürdig” — er verlangt, anders als sehr viele andere Papp- oder Papiernasen, nicht, dass ich ihn ernst nehme. Sein Tiefsinn steht immer kurz davor, sich in Gelächter aufzulösen. Er ist der neue Sokrates.

  • pathoblogus sagt:

    Okay, du hast natürlich Recht. Seine Bücher sind sehr anregend, wenn man das nicht zugibt, dann lügt man. Ich bin sogar eher jemand, der ihn gegen übertriebene Kritik verteidigen würde. Aber beim “vertrauenswürdig” kann ich einfach nicht soweit mitgehen…. Das mit den “französischen” Geistern sehe ich nämlich auch nicht so. Bin zwar auch ein Leser solcher Personen, aber ich benutze das eigentlich immer bloß als produktiven Aggressionsaufbau.

  • Blogozentriker sagt:

    Mir reicht aber z. B. auch immer eine Folge “Simpsons”. Die finde ich sensationell, aber die nächste ermüdet mich dann fast schon. Genauso ist’s doch mit all diesen Edelfedern. Nietzsche würde sagen: “Wagner, aber in Maßen!” Und Thomas Mann: “Bob Dylan, aber nicht mehr als ein Album am Tag!” Und Gombrowicz: “Ich nehme für mich in Anspruch, nie in meinem Leben ein Buch von vorn bis hinten wirklich durchgelesen zu haben.”

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