E-e-etwa noch 1,62 Tage: Vom Rande her brechen “Hohlkörper” herein

November 12th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Die „Hohlkörper“ verstehen sich als “kleine Literatur”, also als Text, der aus der Position eines Marginalisierten (und zu Recht Marginalisierten) geschrieben ward. (Ward!) Walter Benjamin nannte bekanntlich das Werk “die Totenmaske der Konzeption”. Gemeint ist mit dieser Konzeption von Konzeption ja wohl ein sisyphotisches Vorhaben: Den Stein solange auf den Berg trümmern, bis der Berg platte Ebene ist und Sisyphos endlich heimgehen kann … meine Güte, man schreibt ja nicht zur Unterhaltung!

Leider aber wird aus diesem radikalen Geiste in den letzten Jahren wenig geschrieben. Man schreibt lieber aus der Pantoffelkino-Perspektive, schafft eine Art von Literatur, bei der man sich an seinem Feierabend-Tee nicht verschluckt. So eine Art Fernsehen im Buchformat. Verlage und Verfasser wollen ja nicht auch noch die letzten paar Leserinnen vergraulen!

Kafka bemerkte hierzu: “Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?” Das ist starker Tobak, das ist sogar Pfriem; darum hält sich das im allgemeinen ohnehin von Überforderung geplagte Leservolk lieber an eine weiter entfernt liegende Passage des anzitierten Briefes: “Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” Das ist Kafka, wie wir ihn lieben, das hat, im Schmuckrahmen, in jeder Buchhandlung Platz!

Generös überspringt der an solchen alltagsphilosophischen Rosinen interessierte Kafka-Kuchenesser harte Formulierungen wie diese: “Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord …”

Das klingt pervers, das schluckt sich nicht so leicht, aber genau so ein Selbstmord möchten die „Hohlkörper“ sein. Sie sollen ein Neustart sein, eine Beschwörung, der Versuch, verschiedene, normalerweise sorgsam geschiedene Ebenen unseres Seins (Gedächtnis, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Phantasie, Traum, Sehnsucht, Angst — was gibt es da nicht alles in diesem äußerlich so gut verfugten Ich!) miteinander zu verbinden, Wurmlöcher ins Universum unseres Schädelinnern zu graben.

Das alles hat, anders als die Weltuntergangsszenarien eines Frank Schätzing oder eines Roland Emmerich, definitiv keinen Anspruch auf die Aufmerksamkeit des ganzen Erdballs oder gar der Mondbewohner! Es ist eine fast familiäre Sache, etwas Begrenztes, eine freundschaftliche Unternehmung. Dass die „Hohlkörper“ je die Macht der Masse zu binden vermöchten, steht eigentlich nicht zu befürchten … Jedenfalls liest im „Südbalkon“ in Wilhelmsburg nicht John Cusack, sondern nur der Autor dieses aufmüpfigen kleinen Romans.

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