Das Tolle an einem Roman ist, dass er ohne Strom funktioniert. Sie können ihn also auch in einem Regionalexpress lesen oder in einer Regionalbahn. Er kann auch nicht aktualisiert werden. Was im Roman nicht stimmt, stimmt im Roman für alle Zeiten nicht.
Sie wissen schon, so eine Art Anschlussfehler. Im einen Bild hat Brad Pitt die Schramme auf der linken Wange, in der nächsten Einstellung hat die Schramme ihren Sitz auf die rechte Wange des Megastars verlagert. Das sind Anschlussfehler.
In STAR WARS z. B. gibt es eine Szene, in der ein paar Sturmtruppler durch eine automatische Schleusentür gestürzt kommen, die Waffen im Anschlag, ballerbereit. Man sieht aber ganz deutlich, wie einer von ihnen mit seinem Helm oben, BOING, gegen die hochgesauste Stahlschleusentür knallt.
Da es sich bei STAR WARS anfangs bekanntlich um ein Low-Budget-Projekt handelte, konnte man das nicht mehr korrigieren.
Um nun auf den Roman zurückzukommen. Nehmen wir an, ich habe als Autor im ersten Kapitel meines Werkes immer von „Elsa“ gesprochen (lies: geschrieben), und später, so ab Kapitel 8, als diese Dame wieder auftaucht, ist immer nur von „Else“ die Rede. Oder gar von „Helga“!
Schlimm. Dann hat die Lektorin ebenso geschlampt wie der Autor, und Sie können sich zurecht aufregen.
Aufregen wird sich allerdings auch der Verfasser, da können Sie Gift drauf nehmen; er würde sich am liebsten in den Hintern (sprich: Arsch) beißen vor Wut, aber was soll er tun? Gedruckt ist gedruckt.
Passierte mir das hier, auf dem Blogozentriker, dann könnte ich in meinem Kommandobrücken-Bereich einfach auf „Artikel bearbeiten“ klicken, und im Handumdrehen usw. Alle Spuren beseitigt, alles wäre wieder stimmig, entweder in Kapitel 1 „Else“ oder „Helga“, oder in allen übrigen halt auch konsequent „Elsa“.
Jetzt fragen Sie sich: „Na, komm — so genau lese ich doch ein Buch gar nicht! Das würd mir doch gar nicht auffallen!“
Stimmt schon. Aber es ist ja denkbar, dass Sie, aus Gründen, die heute noch vollkommen im Dunkeln liegen, plötzlich von einem Roman besessen sind. Was weiß ich, vielleicht stellen Sie fest, dass alles, was in diesem Werk der Fiktion dargestellt wird, 1:1 in Ihrem Leben passiert. Also in Echt, in Echtzeit, live, vor Ihren Augen.
Als stiege der Text von den Buch- oder Internetseiten und entwickelte ein Eigenleben, direkt in Ihrer Nachbarschaft.
Ein Beispiel. Nehmen wir an, ich, der Autor, habe beschrieben, wie sich einer meiner Protagonisten immer ein rotes Handtuch vors Toilettenfenster hängt, wenn er scheißen geht. Keine Ahnung, warum, ich begründe das auch nicht näher, und genau deswegen vielleicht hat es sich Ihnen eingeprägt. Das rote Handtuch ist bei Ihnen irgendwie hängen geblieben.
Und dann gehen Sie ein paar Tage später bei einem Freund auf die Toilette. Und? Sie bemerken, dass vor dessen Toilettenfenster … ein rotes Handtuch hängt!
Was sollen Sie tun? Ihren Freund zur Rede stellen? Der würde ja nur denken, die zwei, drei Bierchen hätten Ihnen schon den Verstand geraubt. Nein, lieber schauen Sie zu Hause noch mal nach, im Roman, wie das war, das mit dem roten Handtuch.
Beim Blogozentriker — und damit komme ich zum entscheidenden Punkt — wüssten Sie halt nie: Stand das mit dem roten Handtuch WIRKLICH vorgestern schon da? Oder hat der das nachträglich eingefügt? Ist etwa, überlegen Sie plötzlich, dieser Freund, mit dem ich gestern Abend zwei, drei Bierchen getrunken habe, ist etwa DER — ob das der Blogozentriker ist? Daniel? (Oder wie Ihr Freund heißen mag.)
Wenn Sie aber einen Roman in der Hand halten und nicht einen Laptop auf dem Schoß, ist absolut klar, dass Ihnen hier niemand einen intermedialen Streich spielt. Das ginge ja gar nicht, beim bösesten Willen nicht! Sondern das Schicksal hat Sie bei den Eiern, mein Freund! Und wenn Ihnen mulmig zumute sein sollte, dann kann ich das nur zu gut verstehen …
In Tim Parks ‘Doppelleben’ zum Beispiel heißt der Held Daniel. Im dritten Viertel jedoch einmal plötzlich David. Wie kommt sowas? Hat sich der Autor erst spät für Daniel entschieden und einmal die Änderung bei David vergessen? Oder handelt es sich um eine gespaltene Persönlichkeit? Ein Zweitname, der vorher nicht erwähnt wird?
Das Leben ist voller Rätsel, lieber Blogo.