Flugblatt

November 14th, 2009 § 1 Kommentar

Nun stellen Sie sich aber mal vor, Sie säßen in einem Café. Was passiert da? Reden die Leute aufeinander ein? Wollen Sie etwas voneinander, wollen sie zueinander? Entstehen gesprächsweise Schicksale, werfen sich Perspektiven auf, werden Möglichkeiten von ferneren Momenten in die rauchgeschwängerte Luft gezaubert?
Nein.
Die Leutchen haben entweder eine Zeitschrift vor sich liegen, plaudern über Shoppingerlebnisse oder checken ihre SMSe. Man redet nicht miteinander, man fängt miteinander nichts an. Man trinkt sein Bier und bleibt bei sich. Jeder verwaltet die Last seiner Augenblicke, das ist alles, und Begegnungen, die Schmerzen oder Erkenntnisse aufrühren könnten, werden tunlichst vermieden.

Nicht einmal die Luft ist mehr rauchgeschwängert. Sie ist so klar und steril wie die Absichten eines endgültig Resignierten.

Es ist, als hätte die Meinungsfreiheit uns von allen Meinungen befreit.

Es gibt kein Gemeinsames, in das die Menschen investierten, in so einer Café-Situation, und weil dem so ist, stirbt das Drama aus. Denn das Drama handelt ja von der Begegnung von Menschen. Sogar ein Drama, in dem Menschen sich nicht begegnen, erhält seine Bedeutung aus der Abwesenheit der allfälligen Begegnung mit dem Anderen. Wir jedoch verlegen unsere Dramatik ins Fernsehen, und dort köchelt immerfort ein schwachsinniger Absud von echten Tragödien vor sich hin, lauter billiges, fades Zeug, das wir in uns hinein schlingen, wenn wir es nicht mehr aushalten vor Langeweile.

Hohle Männer, ausgestopfte Männer, um mit T. S. Eliot zu reden.

Im Grunde leben wir ein Leben nicht der Kommunikation — das hieße echte Begegnung, hieße Kampf und Auseinandersetzung, hieße Drama –, sondern bloß der Konversation.

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§ Eine Antwort auf Flugblatt

  • W. Huebsch sagt:

    Auch wenn ich mich Ihrer Sehnsucht nach einer Welt des Dramas bereitwilligst anschließe, muss doch gesagt werden:
    “[...] Konversation [ist] das, was jetzt kein Mensch mehr kennt: nicht selbst perorieren, wie ein Wasserfall, sondern dem andern das Stichwort bringen. Zu meiner Zeit hat man gesagt: wer zu mir kommt, mit dem muß ich die Konversation so führen, daß er, wenn er die Türschnallen in der Hand hat, sich gescheit vorkommt, dann wird er auf der Stiegen mich gescheit finden. – Heutzutag hat aber keiner, pardon für die Grobheit, den Verstand zum Konversationmachen und keiner den Verstand, seinen Mund zu halten” (gesagt vom Altenwyl in Hofmannsthals ‘Der Schwierige’; schade drum, dass es selbst dafür nicht mehr reicht. Ein neues Wort muss her!).

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