Leichtfertiger Trost, den die Digicam gewährt

November 15th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“Du musst zugeben, Bob, das sind alles Problematiken von gestern! Du vertust deine Zeit, indem du die künstlerischen Schwierigkeiten deiner Eltern zu lösen versuchst! Ganz ehrlich”, sagte Hansi Hausmann, “das ist mein Eindruck!”
Michi brummte Zustimmung aus seiner Ecke.
Carlo sagte erstaunlicherweise gar nichts; vermutlich war er einschlafen.
Keith Jarrett stöhnte leise zu seinem Köln-Konzert.
Hansi fügte hinzu:
“Glaub mir. Ich spreche als Freund.”
Benn stopfte sich noch ein paar Finger voll Kartoffelchips in den Mund.
“Ich hab keine Ahnung, wovon du redest”, murrte Bob endlich. “Meine Eltern hatten ganz bestimmt Schwierigkeiten, das stimmt, aber ganz bestimmt auch waren ihre Schwierigkeiten nicht KÜNSTLERISCHER Natur!” Bob beugte sich vor. “Mein Eindruck, Hansi, als Freund, ist, dass du Probleme zu lösen versuchst, die nur in deinem Kopf …”
“Was Hansi sagen will”, sprang Georg in die Bresche, “ist, dass deine Texte, na ja.” Georgs Hände formten sachte Bewegungen, als buken sie Brot. “Oft sind sie etwas altbacken, altmodisch. Ich meine, Bob. Du liest Alfred Polgar! Du erwähnst in deinem Blog Hermann Broch! Du erwartest von den Menschen, dass sie ins Café gehen, um zu SCHREIBEN! Aber kein Mensch schreibt mehr, jedenfalls nicht in dem Sinn, den du im Sinn hast. Die Leute schreiben heute E-Mails, sie twittern, sie sind im Facebook-Chat.”
“Na, ist doch schön für sie”, grollte Bob, die Arme vor der Brust kreuzend.
“Ja”, schrie Hansi Hausmann, “aber das ist eben eine andere Realität als die, die du in deinem Kopf hast! Eine GANZ andere Realität!”
Benn verschluckte sich an seinen Kartoffelchips, Carlo plumpste vom Sofa. Keith Jarrett jaulte auf.
Michi brummte:
“He, he, immer mit der Ruhe! Sonst fliegt ihr raus!”
“Ich verstehe nur nicht”, wunderte sich Bob mit gerunzelten Brauen, “warum es dich so interessiert, Hansi, welche Art von Realität ich in meinem Kopf habe? Es ist doch wohl nur zu verständlich, sollte ich meinen, wenn ich lieber in einer anderen Realität lebe als der von der ‘Bild’-'Zeitung’ beschriebenen?”
“Na”, sagte Hansi Hausmann, “so wie du Schreiben verstehst, gibt’s das nur noch bei Roger Willemsen.”
“Ja, und? Roger Willemsen und ich”, sagte Bob.
“Ich dachte immer”, ließ Carlo sich endlich vernehmen, “du wolltest dich der Wirklichkeit stellen?”
“Der Wirklichkeit stellen? Was soll das?” Bob breitete die Arme aus, seine Stimme hob sich. “Sind wir hier in HIGH NOON, oder was? Soll ich die Wirklichkeit abknallen? Das ist doch alles Quatsch, ihr seid doch alle …”
“Ah, Scheiße”, sage in diesem Augenblick ich. “Der Akku ist alle! Ich glaube, das müssen wir alles noch mal aufnehmen, die filmt schon ne ganze Weile nicht mehr.”
“Und das merkst du nicht, oder was?”
“Sorry, Bob, aber.”
“Nix aber. Nix sorry.”
“Noch mal, komm, nützt doch nichts”, sagt Michi und stellt eine neue, unbenutzte Leinwand auf seine Staffelei.

Tagged:, , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Leichtfertiger Trost, den die Digicam gewährt at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.