Essays schreiben

November 17th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

In gewissem Sinne ist der Essay die poetischste aller Prosa-Gattungen. Darum finden wir auch so viele Lyriker, die Essays geschrieben haben — Gottfried Benn, T. S. Eliot, Joseph Brodsky, Hans Magnus Enzensberger. Natürlich denke ich auch an Paul Valéry; ich denke andauernd an Paul Valéry.
Denken Sie ruhig auch an Durs Grünbein; ich werde mir das allerdings verkneifen! Ich weiß, wie weit ich zu gehen habe …

Auch Alexander Kluge ist mit seinen in fettleibigen Volumina versammelten Kurzgeschichten näher am Essay dran als an dem, was vor allem die Amerikaner mit dem Format der Short Story wollten. (Wie Kluge mit einer Kamera und Heiner Müller den Essay in die Dimension der beweglichen Momente überführt hat, darüber sind gewiss schon einige Doktorarbeiten geschrieben worden!)
Einer der Meister des Essays ist für mich Marshall McLuhan, aber der war ein Mann der 60er des letzten Jahrhunderts.

Friedrich Nietzsche konnte ganze Essays in einzelne Absätze bündeln, und noch spektakulärer in dieser Hinsicht war Lichtenberg. Dem gelang es, mit einem einzigen Satz eine ganze Abhandlung aufzuwiegen.

Von Montaigne könnte man sagen, er habe geradezu das Essayistische Ich erfunden, wie man vom Lyrischen Ich spricht. Eine nützliche Fiktion, ein nützlicher Identifikations-Idiot.

Die Grenzen zwischen Blog und Essay sind fließend, wie die Grenzen zwischen Tagebuch und Essay immer schon schlampig bewacht waren — denken Sie daran, mit welcher Mühelosigkeit Ralph Waldo Emerson Güter von jenem in diese geschmuggelt hat.
Allerdings, denkt man, müsste ein Groß-Essay wie der ULYSSES für eine gewisse Beunruhigung unter den essayistisch Interessierten gesorgt haben. (Oder meinen Sie im Ernst, Joyces Mega-Werk sei ein Roman? Oder gar ein Epos mit den Mitteln der Zeitung?) Ich weise Sie auch auf Robert Musils MANN OHNE EIGENSCHAFTEN hin. Und Oswald Spenglers UNTERGANG DES ABENDLANDES? Was ist damit?
Und Hermann Broch? DER TOD DES VERGIL, DIE SCHLAFWANDLER?
Thomas Manns ZAUBERBERG?
Na?

Es kann kein Zufall sein, dass zusammen mit diesen Meilensteinen der modernen Romanliteratur der Feuilletonismus in höchster Blüte stand, von Kurt Tucholsky über Alfred Polgar bis zu Egon Friedell.

Eine absolute und geradezu exquisite Ausnahme bildet Franz Kafka. Dessen Werk ist von allem Essayistisch-Feuilletonistischen streng gereinigt.

Während die wissenschaftliche Studie einen Gegenstand exakt analysieren will, um über dessen Zusammensetzung etwas zu erfahren, trägt der Essay sich mit der Absicht, in dem Raum zwischen Untersuchungsobjekt und Untersuchendem etwas entstehen zu lassen. Eine geistige Figur. Wichtig ist nicht so sehr das untersuchte Objekt, wichtig ist vor allem die Untersuchung! Indem er sich seinem Untersuchungsgegenstand ausliefert, schafft der Essayist sich selbst, einen Ableger seines Geistes, eine Selbst-Variante. Einen Klon, würde man heute sagen, einen geistigen Klon.

Die Nachfolge des Essays trat in jüngster Zeit Hunter S. Thompson mit seinem Gonzo-Journalismus an.
Während ein Literaturwissenschaftler sich lieber die Zunge abbisse, als “Ich” zu sagen, fällt ein Gonzo-Schreiber vermutlich bei dem Gedanken in Ohnmacht, die “I”-Taste an seiner Schreibmaschine könnte klemmen.
(Nein, ich glaube nicht, dass Gonzo mit dem Computer funktioniert. Und ja, ich glaube, dass Gonzo nur auf Englisch funktioniert. Selbst wenn der Schreibende sein Englisch immer gleich ins Deutsche überträgt.)

Das Allerschönste am Essay aber ist, dass er wie eine Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung ist, beim Schreiben, für den Schreibenden, dass er aber nicht unbedingt auch wirklich fortgesetzt werden muss. Selbst wenn er mit den Worten endet:

FORTSETZUNG FOLGT.

Tagged:, ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Essays schreiben at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.