Lebende Dinge
November 17th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Onkel Charlie war wirklich eine Marke! Als Kind habe ich ihn geliebt. Und ich liebe ihn eigentlich immer noch! Mein Bruder hat ihm den Namen “Onkel Charlie” gegeben, und zwar nach einer Figur aus einem Hitchcock-Film, “Shadow Of A Doubt”. Joseph Cotton spielt darin einen überaus zwielichtigen Charakter, eben Onkel Charlie.
Onkel Charlie ist bei Hitchcock ein Frauenmörder, so weit ich mich erinnere … ein Witwen-Mörder, glaube ich. Jedenfalls, weil mein Bruder Onkel Charlie nicht leiden konnte, gab er ihm diesen Spitznamen.
Eigentlich hieß Onkel Charlie Roman. Roman Buch. Er war aber nicht etwa Besitzer einer Buchhandlung oder eines Verlages, er war Arzt. Er war ein sehr guter Arzt, aber er hatte einen ziemlich zynischen Humor.
Vielleicht lag das an seinem Namen. Niemand nahm natürlich einen Arzt für voll, der “Roman Buch” hieß. Seine Patienten liebten ihn, da bin ich sicher, sie liebten ihn von ganzem Herzen; aber ob sie der Diagnose eines Mannes, der “Roman Buch” hieß, mehr Vertrauen schenkten als einer Dichtung?
Bestimmt war das der Grund für seinen beruflichen Erfolg.
Das Verrückteste ist, und deswegen komme ich überhaupt auf Onkel Charlie, in seiner Freizeit schrieb er wirklich an einem Roman. Mein Vater zog ihn damit auf. Onkel Charlie sei ja wohl ein Narzisst, das sei ja jetzt wohl klar, sagte mein Vater und lachte, und dann rief er: Roman und sein Roman.
Quatsch, Narzissmus, sagte Onkel Charlie, mit diesem unwirschen Verziehen seines Gesichts, das ich als Kind so unwiderstehlich fand. Er zog die linke Wange hoch, bis das Auge fast ganz zugekniffen war, und grummelte dann und schob die Schulter vor.
Ich gluckste vor Vergnügen.
Onkel Charlie sagte, er schreibe halt ein paar Sachen hin, abends, nach der Arbeit, bevor ihm die Augen zufielen, Sachen, die ihm während des Tages eingefallen seien, ganz unwillkürlich. Da sei doch nichts dran.
Ich sehe mich ja nicht als Dichter, bewahre! rief Onkel Charlie aus und ließ sich noch ein Bier hinstellen.
Ich und ein Dichter, ich spinn doch nicht!
Onkel Charlie war irgendwie einsam. Er hat nie geheiratet in seinem Leben. Es gab ein paar Frauen, mit denen er dann und wann bei uns aufkreuzte, aber diese Verbindungen hielten nie lange. Maximal zwei, drei Monate. Natürlich schob er die Schuld immer auf seine Arbeit, auf dieses “Stunden verschlingende Ungetüm von einem Job”, wie er sagte.
Ich hätte Buchhändler werden sollen, bei dem Namen, sagte er.
Onkel Charlie war sanftmütig und eine noble Seele, aber er war auch verrückt. Und mein Bruder mochte ihn nicht. Er fand Onkel Charlie seltsam. “Onkel Charlie ist ein Asozialer”, pflegte mein Bruder zu sagen.
Mein Bruder wollte es weit bringen und studierte Wirtschaftswissenschaften. Er heiratete mit 19, ein ehrgeiziges Mädchen, das es ebenfalls weit bringen wollte. Aus der Ehe gingen zwei Mädchen hervor, beide sehr ehrgeizig, alles wunderbar.
Der Roman meines Onkels Charlie wurde nie veröffentlicht. Er wurde noch nicht mal abgeschlossen. Ich fand das Manuskript, weil sich sonst niemand um den Nachlass kümmern wollte. Mein Bruder sagte, er habe leider keine Zeit, außerdem sei er in Montreal.
Zusammengeheftete Blätter, einen Daumen dick, per Hand beschriftet.
Ich rief das Bestattungsunternehmen an. Der Bestattungsunternehmer hatte definitiv zu viel Umgang mit Toten. Er war unglaublich bleich, damit fing’s an. Er nickte die ganze Zeit und knetete seine schmalen, blassen Hände mit den abnorm langen Fingern.
Zu erben gab’s nicht viel. Onkel Charlie hatte ziemlich bizarre Gewohnheiten angenommen zum Schluss, nach seinem Schlaganfall, und ziemlich viel Geld raus geworfen. Vor allem an Spielautomaten. Er trank auch sehr viel. Sein Lieblingsgetränk war Jägermeister. Körbeweise schaffte ich die leeren Flaschen aus seinem Keller.
Er war 62, als er starb.