Gespräch mit einem Wertkonservativen

November 21st, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“Wir leben in einer Gesellschaft”, sagt unser Interview-Gast, “in der es keine innere Haltung mehr gibt”. Eine “Kaufmannsgesellschaft, sicher nicht böse, nicht bösartig, aber doch wertfrei bis zur Toleranz gegenüber dem orientalischen Massenmörder. Sogar die Kunst ist nur noch ein leeres Spiel mit leeren Formen, ein öder Zeitvertreib ohne geistige Prägung.”
Entscheidend sei allenthalben nur noch die Erwägung, mit wem sich Geschäfte machen lassen.
“Wir sind in einem Maße liberal und neutral, dass man Angst vor uns bekommen muss. Mittlerweile ist uns wieder alles zuzutrauen. Auch das Allerschrecklichste. Die Frage ist nur, wie man’s uns verkauft.”
Wir fragen nach; ob wir uns da verhört haben?
“Nein, nein. Was ist bei uns im Augenblick denn Kultur? Lexika verkaufen. Einfach, weil es niemanden gibt, der uns aufhalten, zur Vernunft bringen könnte. Der etwas in uns hineinstanzte, was uns Tiefe verliehe! Sie haben doch auch erlebt, wie dieses bisschen Krise der letzten Monate gestandene Männer zum Zittern gebracht hat. Diese Leute betteln innerlich ja um einen starken Mann, um einen Führer. Noch aber ist da nur Angela Merkel, das Mädchen mit der Kinderhandschrift. Trotzdem, ich sehe das mit Sorge.”

Der so redet, ist ein freundlicher Mann, Mitte 40, gut angezogen, mit tadellosen Manieren. Zahnarzt könnte er sein. Er trinkt schwarzen Tee, ein ganzes Kännchen trinkt er leer, während er in den Redaktionsräumen des Blogozentrikers sitzt. “Verzeihen Sie, ich habe etwas Halsprobleme”, sagt er, sich nachschenkend. “Darum trinke ich so viel.”
“Lassen Sie nur”, winkt unser Textchef lachend ab, “das können wir uns gerade noch leisten, schwarzen Tee!”
Unser Gast spricht mit leiser, kultivierter Stimme. Die Hände hält er auffallend ruhig, auch bei den dramatischsten Passagen.
CDU wähle er “aus Tradition, ohne darüber nachzudenken, ohne mir über die Gründe Rechenschaft abzulegen. Ganz so, wie andere Audi fahren statt BMW.”
Mit freundlicher Miene sagt er unerhörte Dinge: “Was ich ganz stark vermisse, ist ein funktionsfähiger Adel, eine Kriegerkaste, ein Offizierscorps. Nicht diese Business-School-Eliten, denen man im Ausland beigebracht hat, wie man Power-Point-Präsentationen macht und sein Gewissen verdrängt! Dieses ameisenhafte Strebertum. Wo soll das hinführen? Das sind doch alles Schwachsinnige, Leute ohne Rückgrat.” Die Augen unseres Gastes funkeln, als er sagt: “Der Unterschied ist, dass Offiziere für einen Krieg zwar gerüstet sind, aber keinen Krieg wollen! Offiziere existieren im Grunde, damit kein Krieg sei! Oder kennen Sie einen Polizisten, der sich über das Verbrechen freut? Klinkenputzer aber existieren, damit Klinken geputzt, damit Türen eingedrückt und Absatzmärkte erschlossen werden! Diese Geldmacher sind kriminell, sie sind Kriegstreiber, fieberheiß sind sie auf ihren ökonomischen Bürgerkrieg!”

Nein, sagt er, er wolle keinen Hehl daraus machen, dass “die Katastrophe des 20. Jahrhunderts” ihn “über den Umweg meiner Großeltern und Eltern” tief geprägt habe: “Wozu der Mensch fähig ist, das hat sich wie mit Säure in mich hineingefressen.”
Bilder des Schreckens, im kollektiven Gedächtnis seiner Familie gespeichert, hätten ihn “zerstört und verätzt”.
Im Augenblick, erzählt er, lese er, “zum wiederholten Male”, “Die Standarte”, einen Roman von Alexander Lernet-Holenia. Das gebe ihm Kraft.
“Lernet-Holenia ist ein österreichischer Erzähler der alten Schule, vielleicht etwas einfältig, in modernistischer Hinsicht, aber doch tief und genial, wenn man ihn an seinen eigenen Maßstäben misst!”
“Was meinen Sie denn damit?” fragt unser Textchef staunend.
“Nun, ein Meister eben”, gibt unser Gast zur Antwort, “dem man, wie jedem Meister, keine Modeströmungen vorrechnen darf! “

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