Sie war begabt, keine Frage, aber sie war auch überspannt. Das ganz entschieden. Nicht, dass sie damit in ihrer Zunft einzig dagestanden hätte. Schauspielerinnen gelten nicht zu Unrecht als exzentrisch, als Rand-Figuren im psychologischen Sinne, Grenzgänger und Absturzgefährdete. Ich habe, als Carlas Bruder, einige dieser Damen kennen gelernt, manche auch näher, nicht wenige intim. Aufregende, aber zuweilen auch arg strapaziöse Erfahrungen. Der Applaus hält sie alle auf dem straff gespannten dünnen Seil, über welches sie, vibrierend von Ehrgeiz und Beachtungswut, balancieren über den Abgrund ihrer Existenznot. Überhaupt scheint durch sie alle ein Draht zu verlaufen …
Schon als Kind hatte Carla sich leidenschaftlich gern maskiert, wohingegen ich jeden Versuch, mich zu kostümieren, schroff, ja nahezu beleidigt, zurückwies. Ich wollte sein, wer ich war, da ich doch ohnehin nicht war, für den man mich hielt. Das war mir alles ganz recht; sich dazu noch eine Maske vors Gesicht zu halten, erschien mir eine Wendung zu viel, eine Verschraubung ins Unrichtige.
Die Zigaretten mussten reichen als Maskerade, die dunklen Zigaretten und der Wein. Hinter dem Rauch und dem Rausch verbarg ich alles Wesentliche. Und war’s zufrieden.
Carla hingegen kehrte ihr inneres Drama nach außen, verkleidete sich als Prinzessin, als Pierrot und als Puppe, die auf der Suche war nach dem Puppenspieler. Ihre Tragödie war, dass sie einen solchen nicht fand. Bernd Baumgärtner, der Schauspieler, zog zwar eine Weile mit ihr durch die Lande, führte an ihrer Seite sein unstetes Mimen-Leben. Das ja. Aber es endete furchtbar, gemein und sehr naturalistisch. Baumgärtner war keiner, den ich meiner Schwester gewünscht hätte. Ich liebte ja meine Carla, auch wenn sie sich mir schon früh entzog. Ich respektierte ihren Wunsch nach Unabhängigkeit, mischte mich nicht ein.
Woher sie es hatte, das Histrionische? Nun, bei uns daheim war niemand der, der er schien, weder die Mutter noch der Vater, und selbst die Großeltern in ihren gläsernen Etuis aus Zeit wirkten nicht ganz echt, wirkten irgendwie unglaubwürdig, schauspielerhaft, und insofern packte Carla nur das Bestehende und kehrte dessen Inwendiges nach außen. Sie zeigte die Komödie vor, die wir alle spielten mit ernsthaften Kaufmannsgesichtern, in teurem Tuch und mit blinkenden Siegelringen. Ich schrieb, nach Geschäftsschluss, meine kleinen Novellen, spaßhafte Bosheiten gegen das Milieu, das mich ernährte und mir jede meiner Unartigkeiten sogleich unter großem Gelächter vergab.
Ich wäre der Clown der Gemeinde gewesen, wenn es nicht meinen Bruder Christian gegeben hätte. In punkto Narrheit machte dem keiner etwas vor!
Christian, immer schon übermäßig nervös, ein Zappelphilipp und Vielredner, packte eines Tages seine Siebensachen und machte sich davon, nach Südamerika. Das geschah mehr oder weniger wortlos. Dort, in Brasilien, heiratete er dann ein Mädchen, die Tochter eines verlotterten deutschen Barons, wie ich später erfuhr, als er, nach Jahren des Schweigens, den Kontakt zögernd wieder aufnahm.
Ja, Carla! Arme Carla … Sie stürzte sich in Affären wie in Abgründe, suchte im Morphiumnebel Vergessen, schreckte vor Engagements in der Provinz nicht zurück, bei denen sie unterm Strich sogar wohl drauf zahlte. Bloß nicht in der Einsamkeit enden! Das schien inzwischen ihre ganze raison d’être zu sein. Doch die Einsamkeit holte sie ein.
Ich musste ihr Versprechen, ein Stück für sie zu schreiben. Doch schon im dritten Akt endete das gemeinsame Abenteuer. Eines Nachts schluckte sie Schlaftabletten, eine ganze Hand voll davon, und dann schluckte sie Kognak nach. Teurer Kognak, auch wenn sie arm war; den Tod ließ sie sich etwas kosten. Auch das, muss ich sagen, war ein bisschen ein Rezept aus unserer Familie! Mein Großvater hatte in seiner Jugend ein Gedicht geschrieben: “Tod, du knöcherne Rose …”
Alle waren verrückt bei uns zu Hause, aber die meisten hielten das Gleichgewicht, gingen als Sonderlinge und “interessante Naturen” durch. Carla nahm’s alles zu ernst. So war’s, auf den Punkt gebracht, das war ihr Problem. Sie vertiefte sich zu sehr in die Unplausibilitäten unser aller Existenzen, und das konnte nicht gut gehen.