Aus Bobby Graf Kessers Tagebüchern
November 26th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Die Baurs laden zum Fußballschauen. Da ich noch nie ein Spiel gesehen habe, wie ich Otteno Torbén, dem spanischen Botschafter, nachmittags noch zutuschele, im “Café Stramm”, zwischen zwei Wiener Melangen (ich) resp. zwei dunkelstämmigen Damen (er), nehme ich die Einladung gerne an, auch wenn sie mit dem handschriftlichen Zusatz versehen ist: Die Dame des Hauses komme später, sie sei noch auf eine Vernissage verpflichtet.
Verpflichtungen lehne ich, als Kosmopolit und Weltenbummler, selbstverständlich ab, habe aber auch Verständnis dafür, wenn eine aufstrebende Künstlerin in ihrer peer group, nun ja, herumstrebern muss.
Er sei den Baurs doch sicherlich auch willkommen, lade ich Otteno Torbén ein, ob er nicht auch mitgucken wolle? Champions League? Das klinge doch schon mal nicht übel, die Klasse der Siegertypen? Das sei doch so recht, sage ich, “unser Revier”?
Doch Otteno winkt ab. Fußball, na, das sei nix für ihn, da geb’s ja keine Weiber!
Die zwei Grazien, links und rechts von ihm verteilt, lassen geziertes Gegiggel hören, und ich empfehle mich, denn es ist spät geworden, wie ein Blick aufs Display meines Handys mich belehrt.
Ich nehme ein Taxi, versteht sich. Soll das doch der Herausgeber dieses Tagebuches berappen! Die Fahrt ist lang, durch verschiedene Wälder weit hinaus aufs Land, wo man ruhig wohnt.
Der Hausherr, Georg Christoph, lässt mich eigenhändig ein ins Baur’sche Palais, kommt extra vor zum Tor, im Nieselregen. “PALAIS BAUR”, flackert riesig die Neon-Schrift neben der Haustür, und ich frage, ob das Flackern beabsichtigt sei?
“Aber sicher!” ruft Georg Christoph, ein Original, wie es im Buche steht, eine Anspielung auf “Bates’ Motel” sei das! Das kennte ich doch, “Bates’ Motel”?
Ich bin natürlich auf der Höhe der Anspielungen (davon lebe ich ja); ob ich duschen gehen solle, kichere ich darum im Scherz.
“Na”, Georg Christoph nimmt den Scherz leider nicht gut auf. Ein Voyeur sei er nicht, grummelt er, und eine Dusche hätten sie auch nicht — “noch nicht”, wie hinzuzufügen der Hausherr des “Palais Baur” sich beeilt, und dann eilt er in die Küche, und ich wiesele ihm hinterher.
Hier zerhackt Georg Christoph mit einem Käsebeil einen massigen Käselaib in Häppchen. Es gebe heute Abend “Käseeckchen im Landhausstil”, lässt er mich wissen, schweißüberströmt von seiner herkulischen Dienstleistung aufschauend.
“Hm, Käse”, sage ich vage.
“Ja, den Käse”, sagt Georg Christoph, noch ganz außer Atem, “den stellen wir ja selbst her!”
Oh? Wie man das anstelle?
“Wir haben da halt so eine Käserei im Haus, unten, bei den Ställen”, sagt Georg Christoph, selbst etwas ratlos, “so eine Art Käsefabrik, nur in Klein, eben. In nuce”, latinisiert er noch.
“Ah? Mit eigenen Kühen?”
Das schreib ich mir rasch auf, fürs Tagebuch. Das sind die farbigen Details, die ein erfolgreiches Tagebuch ausmachen.
“Ja, natürlich, eigene Kühe, sicher … es sind allerdings nur wenige, zwei oder drei, oder auch mal vier, wer weiß … Und ab und an wird von denen auch eine aufgegessen.”
“Für zwei, drei Kühe”, bemerke ich, “ist das aber ein fetter Laib!”
“Hm, nun ja”, Georg Christoph wird puterrot, wie eine Debütantin beim ersten Kuss, “ich war in letzter Zeit etwas naschhaft …”
“Nein, nein!” ruf ich lachend, “Laib mit a! Ich mein doch den Käselaib da, mein Lieber!”
Und ich zeig sogar auf den Käselaib mit a! Um der Peinlichkeit ein Ende zu bereiten — der Georg Christoph musste sich sogar hinsetzen vor Verlegenheit, der kippt gleich aus den Latschen –, schnapp ich mir zwei der Weißbrote aus dem Weißbrotkorb und krähe über die Schulter: “Ich trag’s schon mal in den Salon, ja?”
Gleich beim Eintritt in den Salon dann das nächste radikale Missverständnis.
“Huch, wo sind denn die Fußballer?” rufe ich aus, weil ich, statt rechteckig-gestutzter Grünfläche, einen blankpolierten Parkettboden erblicke. Überdies scheint mir der Salon weitestgehend leer. Ganz hinten, auf einem Sofa, hockt Pelzi von Pelzenstein; ob er schon wieder angesoffen ist, womöglich schwer, vermag ich von meinem Standpunkte aus nicht zu erkennen. Er sitzt recht reglos.
Nein, klärt mich Georg Christoph auf, der mit einem Käseteller hinter mir auftaucht, wieso denn Fußballer?
Na, in seiner Einladung, ich pfriemele die Karte mit dem handschriftlichen Zusatz hervor (mit heraus fällt die Taxi-Quittung), da sei doch von einem “Live-Spiel” die Rede?
Da guckt der Georg Christoph aber! Er ist ja oktogonal (über acht Ecken) mit dem englischen Königshause verwandt, und er scherzt: “Ja, dachtest du, wir lassen hier Haifa und Bayern spielen, und die Verlierermannschaft wird hinterher enthauptet?”
Er werde lachen, versetze ich verdrießlich, aber bei den Azteken oder Inkas oder Mayas sei das so Brauch gewesen. Früher, setze ich hinzu, als Georg Christoph mich komisch von der Seite betrachtet.
Wenigstens ist der Fernseher ein Trumm. Ich hab nämlich meine Brille nicht dabei, weil ich, bei so archaisch-rüden Betätigungen wie Ballspielen, stets um ihre Unversehrtheit fürchtete.
Pelzi hebt müde die Hand, als wir uns ihm nähern. Er liegt mehr, als dass er sitzt, auf dem braunledernen Sofa. Er scheint ein Halstuch aus Pelz unter seinem Seidenhemd zu tragen, doch bei näherer Betrachtung erweist sich: das ist seine Brustbehaarung!
“Servus”, sagt er, mir zwei Finger reichend. “Du, ich bin ganz matt, ich komm grad von der Jacht.”