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November 28th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Wir schreiben das Jahr 2042. Ein zu jener Zeit sehr prominenter Spitzendenksportler, ein Medien-Guru im alten Sinne, einer der letzten Digitalisten also, noch festhaltend an dem Primat der digitalen Aufzeichnung vor der direkten mediumistischen Speicherung in der spirituellen Textur des Universums, ein deutscher Gelehrter mit niederländischem Namen, Jan van Hijn, spricht vor der Kamera über einen Roman aus der Vergangenheit.
Selbstverständlich findet die Aufzeichnung mit digitalen Mitteln statt. Alles andere empfände van Hijn als zukunftsbedrohend, produziert doch die “spirituelle Aufzeichnung” seiner Ansicht nach Schwarze Löcher im Raum-Zeit-Sachverhalts-Nexus. Welche Energien in diesen Löchern verschwinden, wagt er sich nicht einmal auszumalen. Tatsache ist: Menschlich geht es mit dem Universum rapide bergab!
“Hohlkörper” heißt das Werk, von dem die Rede ist. Es ist dem Forscher zufällig bei einem Trödler in die Hände gefallen, während seiner Recherchen für eine akademische Studie über die “Steinzeit der Digitalität”. Es handelt sich um ein nach Gutenberg’schem Verfahren hergestelltes Buch, mit Seiten aus sprödem Papier, auch wenn es, das haben Einträge in der Bibliothek von Alexandria III (auf der Südseite des Mars) ergeben, auch schon downloadbar war, in den letzten Lieferungen sogar in SMS-Qualitätsportionierungen auf Handys.
Das Gespräch steht im Rahmen einer Recherche nach der verlorenen Zeit, nach den Ursprüngen der Hanse-Welt, des kaufmännischen Welt-Imperiums, das heute bis nach Alpha Centauri seinen Geist milder Toleranz und unerbittlichen Monopol-Strebens verbreitet.
- Das Buch hat damals niemand wahrgenommen?
Der so fragt, ist ein Alexander-Kluge-Fan, leicht verrückt.
- Nein, sagt van Hijn.
- Warum nicht? Ist doch ein gutes Cover?
Achselzuckend:
- Es gab einfach einen zu harten Kampf um die Aufmerksamkeitspools.
- Und das Besondere an diesem Werk ist für Sie was?
- Hier drin können Sie schon den Zerfall der zwischenmenschlichen Bindungen studieren, das abrupte Absterben zwischenmenschlicher Normen und humaner Tugenden. Es liest sich, aus dem Rückblick, geradezu prophetisch. Die Verfügung über alles, was aus Geist gemacht ist, die schnöde und rüde Herabwürdigung des Sublimsten zur Ware. Wie ein global operierender Medien-Riese jede Art von anarchistischer kreativer Kraft absorbiert und als konformistischen Standardschund zurück auf den Markt bläst.
- Das ist doch oft beschrieben worden, schon von Marx!
- Natürlich, und dieser Aspekt hat mich auch nur in zweiter Linie interessiert. Sentimentaler Mist, oder Murx, um ein Wortspiel zu machen.
- Marx, Murx, hahaha.
- Mich hat aber sehr berührt, dass hier ein Helden-Pärchen auftaucht, Georg und Bob.
- Georg und Bob? Wie unsere Zwillingsherrscher?
- Ja, frappierend, nicht? Leider finden sich partout keine physiognomischen Schilderungen …
- Schade!
- Ja, das wäre sehr interessant gewesen. Aber der Sprechduktus von Bob und Georg, wenn ich das mal so sagen darf, ist doch sehr nahe dran an demjenigen unserer heutigen Führer!
- Irre. Der Alexander-Kluge-Fan kratzt sich das Kinn. Wie hieß der Autor noch gleich?
- Robert Mattheis.
- Was wissen wir sonst noch über den?
- Dass er an einem Drehbuch über die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts gearbeitet habe. Zumindest steht das hier in der Autoren-Biographie, am Ende des Buches. Aber das ist ganz offensichtlich ein Fake.
- Hm.
- Aber passen Sie auf. Der Name. Matt-Heis.
- Matt-Heis?
- Matt. Heis.
- Matt.
- Sie haben es, nicht wahr?
- Bob Matt und Georg Heis.
- Unsere beiden geliebten Führer.
- Ich werd verrückt!
- Seltsam, nicht wahr?
Der Gelehrte klatschte sein Exemplar der “Hohlkörper” auf seine fetten Oberschenkel. Der Alexander-Kluge-Imitator sagte:
- Was wäre Ihre Erklärung?
- Da gibt es im Grunde nur eine, die plausibel wäre. Mattheis muss es geschafft haben, schon vor der Entdeckung der Magnesium-basierten mediumistischen Einschreibungstechnologien direkt in die Raum-Zeit-Sachverhalts-Struktur unseres Universums einzugreifen.
- Er kam da, wollen Sie andeuten, auf eine Ebene, die … ?
- Etwas Geisterhaftes. Spooky.
Der Gelehrte lächelte verzückt.
- Vielleicht auch bloß ein Zufall?
- Meinen Sie? Dann passen Sie auf! Der Boss von Bob und Georg heißt wie?
- Ja, keine Ahnung, natürlich.
- Bert “Big” Bruder!
- Sie machen Witze?
- Nein, nein.
- Das Fernsehen!
- Das gab’s damals natürlich auch schon, das Fernsehen.
- Ach, so.
- Allerdings, da haben Sie recht, handelte es sich noch um ein Einweg-System.
- Wie. Die Leute wurden durchs Fernsehen nur beobachtet?
Der Gelehrte sagte mit milder Herablassung:
- Das wäre wohl ohne sonderlichen Reiz gewesen … nein, natürlich haben die Leute in den Fernseher rein geguckt!
- Verstehe.
- Aber dass wir heute zum Fernsehen “Big Bert” sagen, das.
Der Gelehrte glotzte. Welches Wort sollte er wählen?
- Das ist unheimlich.
- Ein Zufall?
Der große Gelehrte schaute den Alexander-Kluge-Imitator hinter seiner Digitalkamera an. Bleich war der Mann geworden.
- Könnte es also sein, dass unsere Welt, unsere Zeit. Dass wir alle.
Der kleine, blasse Mann brach ab. Er starrte auf das Cover des Buchs. Er spürte, wie etwas seine Kehle umschloss.
- Dass wir alle aus diesem Buch hervorgegangen sind? flüsterte er.
- Es klingt vollkommen absurd, sagte Jan van Hijn. Aber so scheint es zu sein. Sogar Sie, Witzkowitz, tauchen nämlich namentlich hier drin auf.
- Ich? Witzkowitz?
- Ja. Der Gelehrte schlug das Buch auf, vorsichtig, damit die Seiten nicht brachen. Soll ich’s Ihnen zeigen?
- Nein, bitte.
Eine Weile war nichts zu hören in dem nur von einem Scheinwerfer erleuchteten Raum, außer dem leisen Schnarren der Digitalkamera. Endlich sagte Witzkowitz:
- Und Sie? Was ist mit Ihnen, van Hijn? Kommen Sie auch darin vor?
- Das, sagte der große Gelehrte und grinste breit in die Kamera, den Leser frontal fixierend, das müssen Sie schon selbst herausfinden!