Gedanke und Tat

November 28th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Über die Frage, ob Denken dem Handeln gleichzusetzen sei, lässt sich vermutlich ein Äon lang diskutieren. Ich habe keine Ahnung, wie lang ein Äon ist, und ebenso wenig weiß ich, ob Denken und Handeln sich vergleichen lassen. Mir persönlich scheint manchmal ein Gedanke, wenn er in die richtigen Worte gefasst ward, größere Freisprengungskraft zu besitzen als eine Tat, aber das ist sicher auch eine Frage der jeweiligen Mentalität — zumal man die Taten, die uns wirklich befreien könnten, ja nicht tun darf.

Es gibt auch Leute, deren Ansichten dermaßen präzise und überzeugend sind wie der Aphorismus eines Könners, so fest verwurzelt in ihrer Persönlichkeit dabei und so diamanten facettenreich, dass einem die Einheit von Denken, Fühlen, Wollen und Handeln, die bei ihnen gelungen ist, sofort ins Auge springt. Solche Persönlichkeiten strahlen unmittelbar auf uns ab, Ruhe und Glanz gehen von ihnen aus, und wir glauben an das wohltätige Verhältnis von geistigen und leiblichen Sachverhalten.

Dann wiederum stößt man auf Geister, deren schräges Gebaren zwar sehr quer liegt zu ihrem Gerede, gerade dadurch aber eine Art von Harmonie herstellt, eine atonale Harmonie, gewissermaßen, und man flüchtet sich am besten gleich aus dem Raum. Solche kindischen Figuren, prallvoll von Anmaßung, Dünkel, Selbstüberschätzung und Überschätzung auch ihrer Gedanken (die bei ihnen keine sein können, da ihre Persönlichkeit nicht wie eine Hand in den Handschuh in ihre Gedankengänge eingedrungen ist, sondern diese mehr wie ein Ingenieur den Untertagebau vom Büro aus beaufsichtigt), habe ich massenhaft an verschiedenen Universitäten unseres Landes getroffen. Sie starren, mit weit aufgerissenen blinden Augen, immer stier hinein in die Nacht ihres Denkens. Am liebsten verbringen sie ihre Zeit damit, über die mögliche zeitliche Ausdehnung eines Äons zu debattieren. Gedanken sind für sie per se totes Zeug, und darum erübrigt sich die Frage nach der Handlungsähnlichkeit wohl.

Von denen hält man sich besser fern, sonst wird einem am Ende noch das Schönste und Beglückendste, das Denken, verleidet. Diese Leute speicheln nur alles ein mit dem Schleim ihrer Groschen-Dialektik, die sie aus Kinderbüchern gelernt haben.

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