Neulich im “le misanthrope” …

November 30th, 2009 § 1 Kommentar

An der Tür sehen wir groß das Foto eines Menschen, von zwei fetten roten Balken durchkreuzt, darunter den Schriftzug: “WIR DÜRFEN HIER NICHT REIN!”

Im “le misanthrope” wollen die Gestalten der Weltdramatik nämlich mal ganz unter sich sein, hier im Bühnenhimmel, unbedrängt von den Menschen aus Fleisch und Blut. Der Dichter Rattengift steht schon wieder am Tresen und ordert ein neues Pils; der Service läuft ihm zu schleppend, seit Gretchen ihn übernommen hat. Die singt dauernd traurige pietistische Lieder, anstatt mal hin zu machen. Hamlet, hingefläzt in eine Eckbank, liest in einem schon ganz zerfledderten Exemplar von George Steiners “Warum Denken traurig macht”. An seinem Tisch ganz in der Ecke, weitab von den andern, stinkt (aus seiner schwärenden Wunde) und schreit (wegen seiner schwärenden Wunde) Philoktet vor sich hin. Franz heißt nach wie vor Canaille und grinst infam.

Und Faust hält mal wieder Monologe. Er sagt:
“Kein Wunder, dass der Dramen-Nachwuchs beim Publikum nicht mehr ankommt! Total verzogen, das ganze Pack. Diese Jung-Dramatiker fassen ihre Figürchen mit Samthandschuhen an, lassen sich von diesen grünen Jungs am Ende gar die Auftritte diktieren. Und da kommen dann diese Stotterer und autistischen Stichomythiker zustande. Ist ja kein Wunder! Denen fehlt völlig die innere Orientierung. Ich z. B., wenn ich mal von mir selbst sprechen darf.”

Ophelia verdreht die Augen.

“Ich”, sagt Faust also, “ich vermittle den Leuten ein Gefühl von der Dämonie des abendländischen Menschen, mag sein; zugleich aber eröffne ich auch Ausblicke in dessen Größe! Und das baut die Menschen auf, vor allem die Herren. Dass sie nicht immer und notwendigerweise solche Pantoffeltierchen sein mussten, wie sie’s heute sind. Oder unser Hamlet hier. Jede Hausfrau lernt von seinem Beispiel, dass man Familienprobleme nicht auf die lange Bank schieben darf! Sonst steht man am Ende mit einem stinkenden Geschwür da!”
“Schönen Dank, du Arschloch!” brüllt Philoktet aus dem Hintergrund.
“Nun krieg dich mal wieder ein”, gibt Don Karlos laut zurück, wendet sich dann wieder in die Gesprächsrunde: “Ich gebe dir recht, Heinrich. Wenn ich sehe, wie die Zuschauer erbeben, sobald ich den König andröhne: ‘Geben Sie Gedankenfreiheit!’ — da möchte ich am liebsten schlucken. Das ist großartig. Erbaulich!”
“Ja, Don, du gibst den Leuten einen sehr anschaulichen Begriff von der Überspanntheit junger Leute”, sagt Mephistopheles mit schiefem Blick. Als alle ihn finster ansehen, fügt er rasch hinzu: “Ich meine natürlich, du machst so recht fühlbar, wie weit idealistische Spannung in einem jungen Menschen sich zu entfalten vermag!”

“Oder du, Wallenstein”, wendet Faust sich an einen stolz und stumm dabei Sitzenden, “du rührst doch auch jeden Betrachter im Innersten auf mit der Tragik deines Geschicks?”
Doch Wallenstein grummelt nur, abwinkend: “Jetzt lass mich mal, ich muss Text lernen!”
Hamletmaschine wird von Faust stillschweigend übergangen. Ein arg neurotischer junger Mensch!

“Aber dagegen”, Faust senkt verschwörerisch seine Stimme, “dagegen die Ausgeburten der Phantasie von Palmetshofer? Oder Löhle? Oder Bärfuß? Das sind doch alles Bettnässer! Das ist doch Abklatsch. Orientierungslose, die das bisschen an Durchblick, was beim heutigen Theatergänger noch da ist, auch noch verschütten! Die können ja alle kaum richtig reden, Mensch!”
“Daher also kommt die Theaterkrise”, murmelt Ödipus düster, der sich seitlich dem Tisch genähert hat. “Ist das auch meine Schuld?”, fragt er.
“Nein!” Faust springt auf und nimmt den Ahn in den Arm. “Du hast deine Schuld abgegolten und giltst sie ab, Abend für Abend, auf den Bühnen dieser Welt!”
“Das ist wohl wahr”, sagt Ödipus melancholisch, und: “Habt ihr meinen Blindenhund gesehen, den guten Ajax?”

Plötzlich gibt es einen Tumult an der Tür.
“Was gibt’s da?” ruft Richard III, der gerade an ausgesprochen diffizilen Mordplänen arbeitet, die seine volle Konzentration erfordern.
“Es ist soweit …” Nur ein bleiches Hauchen kommt aus Macbeths Mund.
“Hätte ich doch um ein Haar wieder meinen Abgang verpasst”, murmelt Julius Caesar und drückt seine Zigarette aus.
Doch der Tumult ebbt gleich wieder ab, und Falstaff, der Wirt, gibt Entwarnung:
“Alles okay, Freunde”, ruft er, “keine Aufregung! Das war nur wieder der Heiner Müller, der sich hier rein mogeln wollte.”

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