Es lebe eine neue Menschheit!
Dezember 2nd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Die eigentliche Lebenskunst besteht ja darin, zu vergessen, dass man sich auf einer überdimensionierten Billardkugel befindet, die wie eine Rakete durch ein Weltall schießt, von dem man mit Fug und Recht sagen kann, es sei leer. Und dass also auch wir, als Menschen, uns unaufhörlich im freien Fall befinden. Das sollte man vergessen, tunlichst. Denn wenn man sich in dieses Kanonenkugel-auf-Abwegen-Gefühl nach Herzenslust versenkt … du lieber Himmel!
Das beruhigend-trügerische Gefühl jedoch, fest verankert zu sein in einem fix abgesteckten Geschick, verliert schon an Beständigkeit, wenn man einen ganz gewöhnlichen Spaziergang unternimmt. Es liegt ja geradezu in der Luft, dass man sich mit denen, die einem da begegnen, nur zufällig in dieser Stadt, in dieser Luft, auf diesem Planeten befindet! Ein Instinkt der Brüderlichkeit — man verzeihe mir dieses Wort — ist da eingeschlafen oder verkümmert. Umarmen will man die Entgegenkommenden jedenfalls nicht. Nein. Man will nach Haus. Ganz schnell.
Vielleicht war es einst einfacher, die ganze Menschheit zu umarmen, aber … im Grunde — ich hoffe, ich verplappere mich da nicht — meldet sich schon ein Bewusstsein an in mir davon, dass all diese Leute da draußen RIVALEN seien. Konkurrenten im Kampf um die spärlicher werdenden Futterkrippen. Letztlich also fast so etwas wie Feinde. Jeder hat seinen Lebenslauf in der Tasche, um bei Bedarf seine Nützlichkeit darlegen zu können. Ein Gespräch z. B. mit jemandem bringt ja schon gar nichts mehr. Dieses Gespräch liefe doch nur auf den Satz hinaus: “Ja, haben Sie Papiere dabei?” Die Leute können ein Rennpferd, nur vom Angucken, von einer Kuh nicht mehr unterscheiden.
Und so kämpfen wir den Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit, von welchem Mediologen seit vielen Jahren schon schwärmen, sogar innerhalb unserer Privatsphäre. Aufmerksamkeit heißt ja nicht nur: hinsehen, sondern vor allem: aufmerken. Genau wahrnehmen, differenzieren. Prüfen. Abtasten. Wenn man sich natürlich darauf verlassen zu können glaubt, dass man die wesentlichen Informationen entweder in einem Lebenslauf oder bei Google findet, schrumpft dieses urmenschliche Vermögen, das Riechen-Können, ein.
Stattdessen wachsen die Areale im Gehirn, die für Eigenweltlichkeit, Selbstbezug und IT zuständig sind. Was ja vielleicht, um an den Anfang zurückzukehren, ein evolutionärer Vorteil sein kann in Form einer kalten Faszination für das Faktum fatalen Ausgesetzt- und Ausgeliefertseins im schweigenden Nichts endloser Räume.