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Dezember 4th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
(Beachten Sie bitte auch unseren Hinweis am Ende dieses Beitrags!)
Die junge Frau stellte erst mal ihre Plastiktüten ab. In der Küche. Hier saß auch schon ihr Mann, der Vater ihres Kindes war er zumindest, und rauchte eine Zigarette. Normalerweise, also an einem Tag wie diesem, wenn es nicht ausgerechnet dieser Tag gewesen wäre, hätte sie ihn jetzt angeblafft, warum er nicht die Tür zum Balkon öffne, wenn er schon rauchen müsse. Gefahr für das Kind, total rücksichtslos, egoistisch usw. Auch wenn das Kind in der Kita war.
Der junge Mann, ein bebrillter Dreitagebartträger, der eigentlich ganz sympathisch aussah, blätterte lustlos in der “MoPo” herum. Diese Zeitung war wirklich ein Graus geworden, dachte er. Die konnte man wirklich nur noch lesen, wenn man sich vorher das Gehirn raus nahm. Immerhin, so sparte er das Klopapier. Leider konnten sie sich keine Flatrate mehr leisten, sonst hätte er natürlich den Blogozentriker gelesen. Da wusste man nicht nur, was in der Welt los war; vor allem wusste man, was unterhalb der Welt los war. Nach fast einem Jahr Arbeitslosigkeit war’s damit allerdings vorbei. Auch Kinder brauchten heute ja Markenklamotten.
“Du hättest halt bessere Texte schreiben sollen”, hatte sie einmal zu ihm gesagt, im Schmerz über sein berufliches Scheitern. Er hatte darauf natürlich gar nichts geantwortet. Das war vermutlich auch sein Problem als Texter gewesen. Der Wahrheit zu widersprechen, hatte in seinen Augen nicht viel Sinn.
“Du glaubst nicht, was mir passiert ist”, sagte sie jetzt. Eine ihrer Plastiktüten fiel um, und eine Dose Kokosmilch purzelte auf den Boden. Er war zu träge, sie aufzufangen. Er studierte nur ihren Fall. Leider waren die Fallgesetze seit Newton erforscht. Um es mal aus der Perspektive seiner Frau zu sagen, der Mutter seiner Tochter. Auch eine Packung Spaghetti rutschte aus der Tüte heraus, blieb aber an der Rückenverstrebung des Stuhls hängen, auf dem die Plastiktüte stand.
“So? Was ist dir passiert?”, fragte er wie in Zeitlupe, sich dem Tempo eines auf dem Weg aus dem Plastikbehältnis heraus befindlichen Tetra-paks voll Tomatensoße … nee, zu umständlich! Er fragte in Zeitlupe, und auch der Tetra-pak glitt in Zeitlupe über das gekippte Plastik. So war’s.
“Ich war in der Stadt”, sagte sie.
“Ich weiß”, sagte er.
“In der Fußgängerzone”, sagte sie.
“Was hast du denn in der Fußgängerzone gemacht?” fragte er, aufhorchend. “Ich dachte, du wolltest nur zum ‘nahkauf’, einkaufen gehen?”
“Ich hab halt wegen eines, da gibt’s gerade Sonderangebote, in so einem Geschäft, wegen Geschäftsauflösung, Dolce&Gabbana-Sachen und.”
“Dolce&Gabbana? Willst du mich verarschen?” Er drückte wütend die Zigarette aus. “Ich verzichte seit zwei Wochen auf den Blogozentriker, und du.”
“Für Gabi”, sagte sie, defensiv.
Er sagte dazu nichts. Wenn er darauf etwas sagte, konnte sie gleich wieder zuschlagen. Dann war er verloren. Er hatte heute noch keine einzige Bewerbung geschrieben.
“Okay”, sagte er also grimmig, “du warst in der Fußgängerzone. Und weiter?”
“Da war so ein Typ”, sagte sie, die Tomatensoße, die mittlerweile leider auch zu Boden gefallen war, aufhebend. “Ich dachte zuerst, was soll denn das werden? Der hatte vor sich so ein Schild aufgestellt. ‘Wenn man schon keine Bücher mehr verbrennen darf, sollte man wenigstens Menschen verbrennen!’” Sie sah ihren Mann an. “Ist das nicht von Heine?”
“Offenbar einer aus der Werbung”, murmelte der junge Mann.
“Ja, dachte ich auch erst”, sagte die junge Frau. Sie setzte sich jetzt, mit den Spaghetti in der Hand, auf einen Stuhl, dem jungen Mann gegenüber. Sie schenkte den Spaghetti keinerlei Beachtung, und das alarmierte den Vater ihres Kindes. Er setzte sich aufrechter hin.
“Und?”, fragte er.
“Das war echt ein komischer Typ. Sah eigentlich ganz nett aus.”
“Nett.”
“Aber dann stellte er so einen Benzinkanister vor sich hin.”
“Aha?”
“Und dann übergoss er sich mit Benzin.”
“Er goss sich den Inhalt des Benzinkanisters über den Kopf?”
Sie verspürte eine Anwandlung von Stolz. Ihr Texter! Warum der keinen Job fand? Der hatte doch immer die richtige Formulierung auf Lager!
“Ja”, sagte sie, mit leuchtenden Augen.
“Verdammte Scheiße”, sagte er und zündete sich eine neue Zigarette an.
“Ja, und dann hat er angefangen, eine Rede zu halten.”
Der junge Mann blies den Rauch in die Luft. Alles Schadstoffe. Sie kommentierte es nicht.
“Was hat er gesagt?”, fragte er.
“Na, dies und das. So Sachen.”
“Ach, wirklich? So Sachen?” Er bremste seinen Sarkasmus. Mach mal halblang, sprach er sich ins Gewissen. Du hast noch keine einzige beschissene Bewerbung verschickt!
Sie zuckte die Achseln.
“Er hat etwas von Hohlkörpern erzählt. Er sei auch nur ein Hohlkörper, hat er gerufen. Und Hohlkörper, vollstopft mit Stroh, seien eben extrem empfindlich, wenn es ums Feuerfangen gehe. Offenbar war er ein Schriftsteller …”
“War?”
“… denn er hielt plötzlich ein Buch hoch. Das zog er aus seinem Hosenbund, wie die Gangster in Filmen. So, weißt du?”
Sie hob ihren Pullover an, und er schaute nicht hin.
“Ja”, nuschelte er, “weiß schon.”
“Und dann hat er gesagt, für dieses Buch habe er gelebt.”
Der junge Mann sah auf.
“Das hat er gesagt?”
Sie nickte. Ihre Stimme war sehr leise jetzt.
“Das hat er gesagt, und dann hat er das Buch angezündet.”
Er wusste, was jetzt kam, was jetzt kommen musste, aber er weigerte sich aufzusehen. Er dachte daran, wie er sich mit der “MoPo” den Arsch abwischen würde, und stand auf.
“Und als das Buch lichterloh brannte”, sagte sie, beinahe begeistert, schwärmerisch, “und Funken flogen in alle Richtungen …”
“Ich glaube”, sagte er, “ich werd dann mal einen Tee aufsetzen, was?”
“Der Typ ist fast explodiert. Das hat WUSCH gemacht, und dann stand er in Flammen.”
“Willst du schwarzen oder einen grünen Tee?”
“Hast du nicht zugehört?”, fragte sie. “Er ist bestimmt tot. Verbrannt.”
Er ließ Wasser in einen Topf laufen.
“Doch, doch”, sagte er, “ich hab zugehört, klar. Freaky Geschichte. Aber mal was anderes. Du hast ja tadellos viele Konjunktive verwendet, heute, Britta. Was ist denn los?”
(Hätten Sie vorhin gerne IHR Produkt aus dem Plastiktütchen der feschen Britta rollen sehen? Dann melden Sie sich zeitnah bei: werbung@blogozentriker.de!)