Fraglich und fragil
Dezember 5th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
In der Blogosphäre ist auffallend häufig von “Idealen” die Rede. Wenn ich mich im Alltag so umhöre, dann gibt’s dieses Wort eigentlich gar nicht. Kein Mensch würde sagen: “Mensch, ich hab da ein Ideal!” Zu mir jedenfalls hat das noch keiner gesagt. Eher dann schon: die grausliche “Vision” (die ja in Übertragung bedeutet: “Sonnenbrille sogar IM Kopf”), oder vielleicht, bei geistig Normaleren, die “Hoffnung” oder der “Traum”, bei steileren Normalos der “Wunsch” usw. Aber Ideal? Vielleicht findet man es bei Schopenhauer, meist mit dem Suffix “-ismus”, und dann wieder bei Nietzsche, als Ziel jeder wilden Attacke — drauf auf die Ideale! Drauf auf die Ideale! –
Das war ja selbst das Ideal, das Drauf auf die Ideale! Und das war über Jahrzehnte hinweg, eigentlich ein ganzes Jahrhundert lang, als die Ideale drin saßen in den Bürgern, fest wie hinein geschraubt, als Gewinnerwartung, als Überlebensprinzip — da war das ja auch okay, in jenen glorreichen Zeiten.
Jetzt aber kriechen die Ideale unter den Beton-Platten der vorsätzlichen Vergesslichkeit wieder hervor. Man hatte sich ja doch geschämt dafür, innen nicht an allen Stellen mit Stroh ausgestopft zu sein, und plötzlich darf man wieder atmen? Das will gelernt sein, und einen Anfang macht man mit dem Wörtchen: “Ideal”. Es ist natürlich ein bisschen auch ein Schutzwall-Wort, heute könnte man vielleicht sagen: ein Firewall-Wort, mit dem man sich abdichtet gegen die Realität, die, das sag ich ganz offen und freimütig, mit Idealen eher auf Kriegsfuß steht. Das Ideal ist ja Schema F, und um diesem die Treue zu halten, bedarf es gigantischer zeitlicher Spiel-Räume; die stehen heutzutage nicht mehr zur Verfügung. Statt Idealen haben wir GPS und ständige Erreichbarkeit auf mehreren Kanälen.
Ein Ideal bedeutet, um es auf ein Beispiel zu bringen und nicht auf den Begriff: “Das hab ich immer schon so gemacht, und ich werd’s auch jetzt so tun, und morgen auch, und wenn mir einer ein Messer dafür an die Kehle setzt, das So-Machen lass ich mir nicht nehmen, hier stehe ich, ich kann nicht anders — mein Ideal ist nun mal identisch mit mir, untrennbar, genauso gut wie mein Ideal kann ich mich selbst aufgeben!”
Beides ist heute keine Kunst mehr. Die Leute werfen sich selbst über Bord, kehren sich den Rücken, feiern Untreue mit sich selbst — dass es eine Art hat. Eine schlampige, mag sein, aber in der Realität ist das der Geist der Zeiten. Wie sollte die Treue gegenüber dem Ideal da eine größere sein? Wär doch unlogisch.
Und während es angesichts dessen etwas Erz-Sympathisches hat, dass einer sagt, er sei ein Idealist, und diesem und jenem Ideal fühle er sich verpflichtet, wirkt es doch auch befremdlich, eigentlich auch fast ein wenig schweinisch, wie eine Lüge — eine feige, kleine, heimliche, heimtückische Lüge. Als behauptete einer, für ihn sei die Erde eine Scheibe, und scheiß doch auf die Satelliten, Mensch, “ich, ich glaube nur Satelliten, die ich selbst da rauf geschickt habe!” Aber in Wahrheit fliegt er um die Erde, im Privatjet.
Ich weiß ja nicht, ich will da nichts Abschließendes sagen. Aber Ideale sind eine knifflige Angelegenheit, und man muss entweder sehr genau wissen, wer man ist, um sich zu einem Ideal zu bekennen, oder man muss es halt überhaupt nicht wissen. Wie die Ideale zur Zeit gerade im Gebrauche sind, erinnern sie mich doch sehr an Tattoos, die man früher Tätowierungen nannte und verurteilten Mördern mitgab, um sie erkennbar zu machen.