Wie wär’s mit uns zweien?
Dezember 7th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
“Also, Sie haben ja nun.” Der Chef der PR-Agentur nahm seine Brille ab, räusperte sich, blies über sein linkes Brillenglas. Vielleicht hatte sich dort eine Wimper niedergelassen. Die musste natürlich weg. Dann setzte er die Brille wieder auf. Von der Brille abgesehen, war sein Kopf kahl. “Ja, Herr B., Sie haben ja nun schon einiges gemacht in Ihrem Leben, wenn ich mir Ihren Lebenslauf so ansehe …”
Vorstellungsgespräch. Das muss man mögen. Erinnern Sie sich noch daran? Wie so was ist? Wenn man da steht, in Unterhose, und jemand tastet Ihre Eier ab? Und macht dazu ein mehr oder weniger freundliches Gesicht?
Muss man mögen.
“Das macht fast den Eindruck”, sagt der PR-Chef, ohne von meinem Lebenslauf aufzusehen, “als wären Sie ein bisschen … sprunghaft, Herr B.?”
Bestimmt hat er in einem dieser rororo-Ratgeber, die inzwischen die Romane als Vademecums der Lebensklugheit verdrängt haben, gelesen, dass häufige Arbeitsplatzwechsel von Unsicherheit bei einem Mitarbeiter zeugten. Nur starke Charaktere, um es mal positiv zu formulieren, kleben an ihrem Job. Auch wenn dieser vielleicht längst in die Kategorie “menschenunwürdig” fällt. Starke Charaktere sind eben auch nicht immer nur aufs Menschenwürdige aus. So ist es halt einmal in der Welt.
“Ja, sprunghaft” sage ich nervös, “sicher … aber ich kann jeden einzelnen Schritt erklären.”
Ich lächele. Für starke Charaktere findet sich immer eine Verwendung.
“Haben Sie denn Arbeitszeugnisse dabei? Referenzen?”
“Arbeits-? Nein, das hab ich jetzt nicht …”
“Hatten Sie uns die in Ihrer Bewerbung geschickt?”
Der PR-Chef raschelt durch meine Text-Proben.
“Nein, ich, offen gestanden, an die Zeugnisse hab ich gar nicht gedacht, wenn ich …”
“Nicht dran gedacht?”
Der PR-Chef lässt meine Bewerbungsmappe fallen. Er lehnt sich zurück. Er sieht mich an dabei. Ernst.
“Wissen Sie, der Job, den wir hier machen, basiert vor allem auf Verlässlichkeit. Wir sind hier alles Profis. Überdurchschnittlich motiviert, überdurchschnittlich intelligent. Ja.” Er räuspert sich und nimmt die Mappe noch einmal zur Hand. “Okay”, sagt er, “versuchen wir’s vorerst so. Sie können die Zeugnisse dann ja nachreichen. Gut … Sie haben ja in verschiedenen PR- und Werbeagenturen gearbeitet, wie ich hier ersehe … darf man fragen, warum Sie es in keiner davon länger als ein Jahr ausgehalten haben?”
“Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund”, sage ich.
“Nämlich?”
Die Arbeit war immer total scheiße, denke ich, und ich sage: “Wissen Sie, wenn Sie fast ein Jahr für einen Kunden getextet haben, dann sind Sie irgendwann … leer getextet. Dann können Sie es nicht mehr mit Ihrem Gewissen vereinbaren, weiter für diesen Kunden zu arbeiten. Weil Sie im Grunde textblind sind.”
“Textblind?”
“Ja, ja. Sie wissen, wie es geht, aber Sie nehmen das, was Sie da produzieren, gar nicht mehr wahr.”
“Aber das ist doch das Wesen unseres Jobs, sagen Sie mal!”
Wieder lässt er meine Mappe fallen. Jetzt schaut er mich interessiert an. Wie einen Sonderling, von dem er später seiner Frau erzählen will. Er verschränkt die Arme vor der Brust und neigt den Kopf ein wenig zur Seite.
“Nein”, sage ich mit einem hilflosen Lächeln, um Festigkeit des Ausdrucks bemüht, “ich glaube, dass es unser Job ist, jedes, aber auch wirklich jedes Mal eine neue Lösung für eine alte Aufgabe zu finden.”
“Na, hören Sie.” Der PR-Mann lacht. “Sie sind mir einer! Das ist doch Quatsch! Wo haben Sie diesen Blödsinn denn bloß her?”
Er schüttelt den Kopf und lacht weiter.
Ich sage: “Wenn man PR und Werbung ernst nimmt …”
Der PR-Typ haut mit der flachen Hand auf den Tisch.
“Aber das tut doch keiner! Wovon reden Sie denn überhaupt? Sind Sie besoffen? Marschieren hier ohne Arbeitszeugnisse auf und erzählen mir was vom Ernstnehmen der Arbeit? Sie sind ja ein Kretin! Eine Sau sind Sie! Das Gespräch ist beendet! Raus mit Ihnen!”
Vor der Tür wartet schon die junge Frau, die mich vorhin auch empfangen hat, ein sehr sanftes, weiches Wesen.
“Ja, so ist er manchmal”, sagt sie mit hilflosem Lächeln.
“Der ist öfter so?”
“Leider, ja.”
Ich schlüpfe in meinen Mantel. “Warum tun Sie sich das denn bloß an?”
“Ich muss die Miete bezahlen”, sagt sie, mit niedergeschlagenem Blick, und ich sehe, dass sie gegen Tränen ankämpft.
“Ich finde schon raus”, sage ich, sie leicht am Oberarm berührend. “Bemühen Sie sich nicht. Alles Gute.”
“Ja, danke”, wispert sie mir hinterher.